Editorial · Kommando 161 · · 2h
Frieren als Kalkül: Wie der Staat das Gasrisiko auf die Ärmsten abwälzt
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Zum 1. November lag der Füllstand der deutschen Gasspeicher bei rund 75 Prozent – der gesetzlich abgesenkte Zielwert von 70 Prozent wurde zwar knapp erreicht, doch verglichen mit den nahezu vollen Speichern der Vorjahre ist das der niedrigste Stand seit der Energiekrise 2022. Die Bundesnetzagentur nennt die Lage "nicht zufriedenstellend" und ruft Händler auf, endlich einzuspeichern. Das Wirtschaftsministerium unter Katherina Reiche gibt sich derweil gelassen: Man rechne nicht mit Engpässen, Importe würden reichen, um eine "durchschnittliche" Winternachfrage zu decken.
Durchschnittlich. Das ist das Stichwort, um das sich die ganze Strategie dreht. Wie der Spiegel es zuspitzt: Die Regierung hofft im Grunde, dass der Winter nicht zu kalt wird. Das ist keine Energiepolitik, das ist eine Wetterwette mit Volkswirtschaft und Wohnzimmern als Einsatz. Wer sich auf Durchschnittswerte verlässt, hat für den Ausnahmefall keinen Plan – und Ausnahmefälle sind genau das, wofür Speicher eigentlich da sind. Diese Kalkulation ist kein Fehler im System, sie ist das System: Der Staat verlagert das Risiko konsequent von der öffentlichen Vorsorge auf private Haushalte, die keine Ausweichmöglichkeit haben, wenn die Gasrechnung im Februar kommt.
Denn während Börsenexpert:innen im Fernsehen beruhigen, steigen die Preise am Gasmarkt schon jetzt – niedrige Speicherstände bedeuten höhere Beschaffungskosten, die über Netzentgelte und Grundversorgertarife an die Verbraucher:innen weitergereicht werden. Wer in einer Eigentumswohnung mit Wärmepumpe sitzt, merkt davon wenig. Wer zur Miete in einem Altbau mit Gasetagenheizung lebt oder Bürgergeld bezieht, spürt jeden Cent. Die Regelsätze und die "angemessenen" Heizkostengrenzen der Jobcenter hinken der tatsächlichen Preisentwicklung notorisch hinterher – wer in den vergangenen Wintern schon Nachzahlungen aus eigener Tasche stemmen musste, wird das auch dieses Mal tun. Energiepolitik, die auf Marktoptimismus statt auf verbindliche Füllstandsziele setzt, ist eine Klassenfrage, auch wenn sie in neutralem Behördendeutsch daherkommt.
Die langfristige Linie ist eindeutig: 2022 und 2023 erreichten die Speicher zum 1. November nahezu 100 Prozent, 2024 lag der Wert noch bei rund 95 Prozent Zielvorgabe. Für 2025 senkte die Bundesregierung selbst den gesetzlichen Zielkorridor auf 70 Prozent ab – eine stille Anpassung der Regeln an die Realität sinkender Vorsorge, garniert mit der Erzählung, LNG-Importe und Flexibilität würden das schon ausgleichen. Dass Deutschland dabei beim Flüssiggas nach eigener Aussage von Wirtschaftsexpert:innen "erpressbar" ist, wird in Kauf genommen. Wer souveräne Versorgungssicherheit predigt und gleichzeitig strategische Abhängigkeit von volatilen Weltmärkten vertieft, betreibt Symbolpolitik statt Daseinsvorsorge.
Das ist der eigentliche Skandal: Nicht dass der Winter kalt werden könnte, sondern dass ein Industriestaat mit Rekordhaushalt und einer der größten Volkswirtschaften der Welt es für akzeptabel hält, das Risiko kollektiv kleinzurechnen und individuell abzuwälzen. Energieversorgung ist Infrastruktur, keine Wette. Wer das anders sieht, sollte auch so ehrlich sein zu sagen, wer im Zweifel friert – und wer nicht.
Sources
ZDFheute: Wenig Gas in deutschen Gasspeichern
Tagesschau: Wirtschaftsministerium setzt wegen niedriger Gasvorräte auf Händler
Deutschlandfunk: Erdgasspeicher in Deutschland – wird der Winter kritisch?
Stern: Gasspeicher in Deutschland – wie gut sind sie gefüllt?
christopher-helm.com: Füllstand 75,13% zum 1.11.2025
zfk.de: Gasspeicher-Füllstand – warum 100 Prozent nicht mehr möglich sind
Bundesnetzagentur: Aktuelle Lage der Gasversorgung
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Source: Kommando 161