Faultline Faultline Kommando 161

Editorial · Kommando 161 · · 2h

Die Woche im Rückblick: Göttingen brennt, Magdeburg regiert rechts, Berlin blutet

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Symbolbild · Steffen Löwe Gera / CC BY 4.0 · Wikimedia Commons
TL;DR
  • Göttingen: Nach Hakenkreuzen, einer fast tödlichen Messerattacke und jetzt der ausgebrannten Bühne der linken Bar „Dots“ ist klar, dass die „rote Hochburg“ von einer organisierten rechten Szene angegriffen wird – während der Staat wegschaut.
  • Sachsen-Anhalt: Die AfD-Fraktion im neuen Landtag zeigt ihr wahres Gesicht – Ermittlungen wegen verbotener Neonazi-Vereinigung, HDJ-Verbindungen, ein Ex-Stasi-Mann. Keine Ausrutscher, sondern das Personal des Rechtsrucks.
  • 150.000 gingen bundesweit gegen die AfD auf die Straße. Wichtig – aber Plakate ändern nichts an der Sitzverteilung in Magdeburg.
  • Berlin: Sechs queerfeindliche Angriffe in zehn Tagen sind keine Anomalie, sondern eine Linie, die sich seit dem CSD-Angriff im Juli fortsetzt.
  • Bielefeld: „Projekt M1llion“ kündigte 10.000 an, es kamen 500 – während die Gegenkundgebung mobilisierte. Ein Beleg dafür, dass rechte Online-Hype und rechte Straßenmacht zwei verschiedene Dinge sind.

Diese Woche zeigt in aller Deutlichkeit, wie eng lokale und bundesweite Entwicklungen zusammenhängen. Was in Göttingen brennt, ist derselbe Rechtsruck, der in Magdeburg regiert und in Berlin auf offener Straße zuschlägt.

Göttingen: Die Bastion bröckelt, weil sie angegriffen wird

Fakt: In der Nacht auf Freitag brannte im Innenhof des Börnerviertels die Bühne der linken, seit 2015 selbstverwalteten Bar „Dots“ vollständig aus. Verletzt wurde niemand, die Brandursache ist offiziell offen, eine Überwachungskamera zeigt aber eine vermummte Person am Tatort. Vorausgegangen waren 13 Hakenkreuze im Oktober 2025 und eine beinahe tödliche Messerattacke auf einen Antifaschisten im Juni 2026.

Unsere Einordnung: Das ist kein Einzelfall und kein Zufall. Wie wir in unserem Kommentar zu Göttingen geschrieben haben: Diese Stadt war eine erkämpfte antifaschistische Hochburg, keine geschenkte. Genau die wird jetzt systematisch angegriffen – von einer seit Jahren aktiven rechten Jugendclique –, während der Staat sich lieber an linken Strukturen abarbeitet als an rechter Gewalt. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist eine politische Entscheidung. Solidarität mit dem Dots-Kollektiv.

Sachsen-Anhalt: Das Personal hinter dem Rechtsruck

Fakt: Vier Tage nach dem Wahlsieg der AfD mit 43,8 Prozent präsentierte Spitzenkandidat Ulrich Siegmund die neue 39-köpfige Fraktion. Darunter: zwei Abgeordnete unter Verdacht, die verbotene neonazistische „Artgemeinschaft“ fortgeführt zu haben, ein Ex-Stasi-Offizier mit Direktmandat, und laut ZDF-Recherchen mehrere künftige Minister mit Verbindungen zur verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“. Siegmund nannte die Betroffenen scherzhaft „die Bösewichte“. Details in unserer Analyse der neuen Fraktion.

Unsere Meinung: Wer glaubt, das sei bürgerlich-konservatives Beiwerk, hat nicht hingeschaut. Das ist das Personal, das der Rechtsruck jetzt in Parlamente hebt – ohne Tarnung, ohne Scham.

150.000 auf der Straße – und die Frage danach

Fakt: Am 12. September demonstrierten rund 150.000 Menschen in etwa 20 deutschen Städten gegen die AfD – 25.000 in Hamburg, 12.000 in München, Tausende in Berlin und Düsseldorf. Es war die größte Anti-Rechts-Mobilisierung seit den Massendemos Anfang 2024. Mehr dazu in unserem Text zu den Demos.

Unsere Meinung: Diese Mobilisierung ist kein Nichts. Aber die Frage, die sich Zivilgesellschaft nach jedem dieser Märsche wieder nicht stellt: Was ändern 150.000 Plakate an der Sitzverteilung in Magdeburg, wo der AfD nur drei Mandate zur alleinigen Regierung fehlen? Demonstrieren ist notwendig. Es ersetzt keine Strategie.

Berlin: Queerfeindliche Gewalt ist ein Trend, kein Zufall

Fakt: Zwischen dem 2. und 10. September wurden in Berlin sechs Menschen angegriffen, weil sie als queer oder trans wahrgenommen wurden – von einer am Boden zusammengeschlagenen Transfrau auf der Sonnenallee bis zu einem 17-Jährigen, der ins Krankenhaus musste. In Dresden brachen drei Männer einer Transfrau Nase und Wangenknochen. Quelle: Perspektive Online unter Berufung auf queer.de. Ausführlich in unserem Text zu den sechs Angriffen.

Unsere Meinung: Das reiht sich ein in den CSD-Angriff vom 25. Juli. Wer das als Serie isolierter Vorfälle behandelt, verweigert sich der Erkenntnis: Das ist eine Trendlinie, kein Ausreißer.

Bielefeld: Online-Hype ist keine Straßenmacht

Fakt: „Projekt M1llion“ kündigte für den 12. September 10.000 Teilnehmer:innen in Bielefeld an, es kamen laut WDR rund 500. Eine gewerkschaftlich unterstützte Gegenkundgebung „Bielefeld ist bunt und weltoffen“ zog mehrere Hundert weitere an. Mehr in unserer Analyse zu Projekt M1llion.

Unsere Meinung: Die Lücke zwischen Ankündigung und Realität ist die Geschichte. Eine Facebook-Gruppe mit Zehntausenden Followern ist noch keine Bewegung mit Beinen auf der Straße. Aber unterschätzen sollte man solche Projekte trotzdem nicht – sie bauen Infrastruktur für später.

Was diese Woche verbindet: Der Rechtsruck ist nicht abstrakt. Er brennt in Göttinger Innenhöfen, sitzt im Magdeburger Landtag, schlägt in Berlin zu und übt in Bielefeld für die nächste Mobilisierung. Dagegen hilft kein Abwarten.

Wir weichen keinen Meter.

Read the full story at the source →

Source: Kommando 161