Editorial · Kommando 161 · · 2h
Die Verschleppung der Birgitta Wolf
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Es gibt Geschichten, bei denen der Verdacht nicht in der Deutung liegt, sondern im nackten Ablauf der Ereignisse. Die des Erbes von Birgitta Wolf ist so eine. Rekonstruiert hat sie der Investigativjournalist Erik Glaad; was dabei herauskommt, ist die Chronik einer mutmaßlichen Verschleppung – und am Ende steht Deutschlands umtriebigster Neonazi rund eine Million Euro reicher da.
Birgitta Wolf, ehemalige Tierärztin aus Ekerö vor den Toren Stockholms, war selbst keine Unpolitische: In den Neunzigern spendete sie laut Recherche an einen schwedischen Holocaustleugner, war bei den Schwedendemokraten und wechselte, als die zu zahm wurden, zu den radikaleren Nationaldemokraten. Über ihren zweiten Mann, einen deutschen Neonazi, lernte sie Thorsten Heise kennen – Bundesvorstand der »Heimat« (vormals NPD), Rechtsrock-Unternehmer, Versandhändler für Nazi-Propaganda, seit Jahrzehnten Scharnier der internationalen Neonazi-Szene.
Im Herbst 2021 zieht Wolf zurück nach Schweden. Dann baut sie rapide ab, körperlich wie geistig. Sie vergisst, dass ihre Mutter längst tot ist, glaubt, kürzlich mit ihr gesprochen zu haben. Am 3. März 2022 erreicht sie im Demenztest (MoCA) fünf von 30 Punkten – ein außergewöhnlich niedriger Wert. Die Gemeinde Ekerö beantragt beim Gericht eine Vormundschaft: eine genaue Prüfung, ob die Frau überhaupt noch selbst entscheiden kann.
Dieses Verfahren wird nie abgeschlossen – weil es verhindert wird. Am 26. März 2022 tauchen Heise und seine Frau im Pflegeheim auf, samt dem schwedischen Neonazi Mart Place als Übersetzer. Man wolle die »Freundin« nur übers Wochenende mitnehmen. Es ist das letzte Mal, dass das Heimpersonal Birgitta Wolf sieht. Die inzwischen 90-Jährige wird nach Deutschland gebracht. Das Heim meldet sie vermisst, die Polizei sucht, ein Rettungshelikopter kreist über ihrem Haus. »Für mich ist das die Verschleppung von jemandem, der sich nicht selbst helfen kann«, sagt eine Angehörige.
Was folgt, ist eine Kette von auffällig gut vorbereiteten Schritten. Am 2. April widerruft ein Anwalt in Wolfs Namen sämtliche bisherigen Vollmachten und fordert Schlüssel und Bankkarten für Heise. Dieser Anwalt: Wolfram Nahrath, früherer NPD-Funktionär, Szene-Verteidiger, aufgetreten im NSU-Prozess. Heise und Nahrath behaupten gegenüber schwedischen Behörden, Wolf habe Heise bereits 2020 eine Vollmacht ausgestellt – zu einem Zeitpunkt, an dem die beiden sich nachweislich noch nie persönlich begegnet waren. Wolf landet isoliert auf Heises Rittergut im thüringischen Fretteröde; ihre deutsche Nachbarin schreibt ihr, bekommt nie Antwort.
Der Kern: Am 5. Mai 2022 – gut einen Monat nach der Entführung aus Schweden – wird in einer norddeutschen Kanzlei ein Testament aufgesetzt. Alleinerben: Thorsten und Nadine Heise. Der Notar Lars Brettschneider, dessen Büro 100 Kilometer von Fretteröde entfernt liegt und der laut der Linken-Abgeordneten Katharina König-Preuß Verbindungen zu rechten Burschenschaften hat, sah bei der dementen Seniorin »keine Zweifel« an ihrer Testierfähigkeit. Das Vermögen: rund zehn Millionen schwedische Kronen, etwa eine Million Euro. Ihren Freunden hatte Wolf wiederholt gesagt, sie wolle ihr Geld dem Tierschutz vermachen.
Als Birgitta Wolf im April 2023 stirbt, sind die Heises ihre Alleinerben. Sechs Wochen später stehen sie im Grundbuch des Ekerö-Hauses; inzwischen ist es verkauft, für fast 400.000 Euro. Beigesetzt wird Wolf laut Heise per Seebestattung – eine letzte Reise ohne Spuren. König-Preuß hat Anzeige erstattet, unter anderem wegen Betrugs; der Halbbruder Georg geht juristisch gegen das Testament vor.
Ob am Ende etwas beweisbar ist, wird die Justiz klären müssen. Aber der Fall ist mehr als eine Kriminalgeschichte. Rechtsextreme Strukturen leben von Geld – von Höfen, auf denen geschult und vernetzt wird, von Infrastruktur, die eine Bewegung dauerhaft macht. Wenn ein Kader wie Heise sich am Sterbebett einer dementen Frau eine Million sichert, gegen ihren erklärten Willen, dann ist das kein privater Erbstreit. Dann ist das potenziell Betriebskapital für die Szene. Reporter Glaad sagt es nüchtern: Ein Teil dieses Geldes werde in die Neonazi-Szene fließen.
Legalität ist nicht dasselbe wie Legitimität – und hier steht nicht einmal die Legalität fest. Follow the money. Bei Nazis immer.
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Source: Kommando 161