Editorial · Kommando 161 · · 2h
Brandanschlag auf die Bergische Synagoge: Wuppertal ist kein Einzelfall, sondern ein Trend mit Zahlen
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Zwei Tage vor Jom Kippur wirft ein Mann Molotowcocktails gegen den Seiteneingang der Bergischen Synagoge in Wuppertal. Die Flammen werden binnen Minuten gelöscht, verletzt wird niemand, der Sachschaden bleibt gering. Die Polizei nimmt einen 18-Jährigen fest, kurz darauf einen zweiten Verdächtigen. Der Staatsschutz ermittelt, das Motiv ist offiziell noch offen. Das Muster dahinter ist seit Jahren bekannt.
Dieselbe Synagoge wurde bereits 2014, während des damaligen Gaza-Kriegs, angegriffen. Dass ausgerechnet dieses Gebäude ein zweites Mal zum Ziel wird, ist kein Zufall, sondern zeigt, wie sich antisemitische Gewalt an denselben Orten wiederholt, sobald der öffentliche Druck nachlässt und Konsequenzen ausbleiben. Wenige Tage zuvor war bereits „Free Palestine" an die Synagogenwand gesprüht worden – ein Vorfall, der vielerorts als Randnotiz verschwand, bevor die Brandsätze flogen.
Die Zahlen dahinter sind kein Zufall. RIAS NRW registrierte 2025 landesweit 1.102 antisemitische Vorfälle – ein Anstieg von 17 Prozent gegenüber 940 im Vorjahr. Bundesweit dokumentierte RIAS 2025 exakt 807 antisemitische Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund, so viele wie nie seit Beginn der Erhebung 2020 – 2024 waren es noch 562. Wer angesichts solcher Kurven von „Einzeltätern" spricht, verschleiert eine strukturelle Entwicklung: Rechte Gewalt gegen jüdisches Leben in Deutschland nimmt nicht ab, sie eskaliert weiter, unabhängig vom Stand des Kriegs in Nahost.
Zentralratspräsident Josef Schuster spricht von einer „Normalisierung des Antisemitismus" und fordert von den Sicherheitsbehörden, den Schutz jüdischer Gemeinden endlich ernst zu nehmen. Das ist richtig, greift aber zu kurz, wenn Politik gleichzeitig repressive Vokabeln wie „importierter Antisemitismus" pflegt, um von eigener Verantwortung für ein Klima abzulenken, in dem rechte Hetze über Jahre unwidersprochen gedeihen konnte. Der Anstieg rechtsextremer antisemitischer Vorfälle ist nicht das Werk einer einzelnen migrantischen Szene, sondern eines gesellschaftlichen Rechtsrucks, der von AfD-Wahlerfolgen bis zu Brandsätzen in Wuppertal reicht.
Was hier fehlt, ist keine neue Anti-Terror-Verordnung, sondern konsequenter antifaschistischer Selbstschutz: Nachbarschaftswachen, Solidaritätsstrukturen mit jüdischen Gemeinden, und die klare Ansage, dass niemand mit rechter Gewalt durchkommt, egal wie klein der Sachschaden am Ende ausfällt. Der Brandsatz, der nicht zündet, ist kein Grund zur Beruhigung – er ist ein gescheiterter Versuch. Der nächste wird nicht besser vorbereitet sein, aber die Reaktion der Zivilgesellschaft muss es sein.
Sources
Ynetnews: Arson attempt targets synagogue in western Germany
Jüdische Allgemeine: Brandanschlag auf Synagoge
domradio.de: Brandanschlag auf Wuppertaler Synagoge
RIAS Bundesverband: Jahresbericht 2025 (Pressemitteilung)
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Source: Kommando 161