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Editorial · Kommando 161 · · 1d

Bühne der linken Kollektiv-Bar „Dots“ im Börnerviertel ausgebrannt

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TL;DR
  • Freitagfrüh, gegen 5.30 Uhr, brannte im Innenhof des Börnerviertels die Bühne der Bar „Dots“ vollständig aus. Verletzt wurde niemand.
  • Das „Dots“ ist seit 2015 ein selbstverwaltetes, offen antifaschistisches Kollektiv – kein beliebiges Lokal.
  • Die Brandursache ist offiziell offen – doch eine Überwachungskamera zeigt zur Tatzeit eine vermummte Person im Innenhof; Brandstiftung ist nicht mehr auszuschließen. In der linken Szene wird ein rechter Hintergrund vermutet.
  • Der Hintergrund: 13 Hakenkreuze im Oktober 2025, eine beinahe tödliche Messerattacke auf einen Antifaschisten im Juni 2026, eine seit Jahren aktive rechte Jugendclique.
  • Wir warten die Einschätzung der Feuerwehr ab – und stehen solidarisch an der Seite des Kollektivs.

Göttingen. Am frühen Freitagmorgen ist im Innenhof des Börnerviertels an der Barfüßerstraße die Bühnenkonstruktion der Bar „Dots“ vollständig ausgebrannt. Eine Anwohnerin bemerkte das Feuer gegen 5.30 Uhr durch laute Knackgeräusche, schaute aus dem Fenster und alarmierte den Notruf. Verletzt wurde niemand.

Was in der Nacht geschah

Die Flammen schlugen meterhoch an der Fassade empor. Weil zunächst das Stichwort „Dachstuhlbrand“ ausgegeben wurde, rückten neben der Südwache der Berufsfeuerwehr auch die Feuerwache Klinikum sowie die Ortsfeuerwehren Stadtmitte und Geismar aus. Vor Ort zeigte sich, dass ausschließlich die überwiegend aus Holzpaletten gebaute Open-Air-Bühne samt Dach brannte – sie gehört zur gegenüberliegenden Bar im Innenhof.

Das Feuer war rasch gelöscht. Von der Bühne blieb kaum etwas übrig; die Hauswand wurde durch den Qualm erheblich beschädigt. Zu Ursache und Schadenshöhe lagen zunächst keine Angaben vor – die Ermittlungen dauern an.

Das „Dots“: ein Kollektiv, kein Geschäft

Das „Dots“ ist keine beliebige Bar. Café, Bar und Club werden seit 2015 als Kollektiv betrieben: Entscheidungen fallen gemeinsam, die Arbeit wird geteilt, alle verdienen den gleichen Lohn. „Niemand profitiert von diesem Ort“, schreibt das Kollektiv über sich selbst. Es versteht sich ausdrücklich als mehr als Gastronomie – als Raum, in dem Kultur und Subkultur gelebt werden und in dem alle willkommen sind, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Sexismus, Rassismus und Antisemitismus werden offen zurückgewiesen. „Eat the rich, we serve the drinks“, lautet einer ihrer Leitsprüche. Im Innenhof steht im Sommer die – nun ausgebrannte – Open-Air-Bühne, im Winter öffnet ein kleiner Keller.

Damit ist das „Dots“ einer der wenigen selbstverwalteten, alternativen Freiräume in der Göttinger Innenstadt – ein Ort des offenen, solidarischen Miteinanders.

Was bekannt ist – und was offen bleibt

Bekannt ist: Zeitpunkt (gegen 5.30 Uhr), Ort (Innenhof, Barfüßerstraße), Ausmaß (Bühne samt Dach zerstört, Fassade verrußt) und dass niemand zu Schaden kam. Offen ist: die Brandursache. Weder Feuerwehr noch Polizei haben sich abschließend dazu geäußert, ob ein technischer Defekt, Fahrlässigkeit oder Brandstiftung vorliegt; die Polizei ermittelt. Das Göttinger Tageblatt fragt inzwischen offen: „War es Brandstiftung?“ – wenn auch nur hinter einer Bezahlschranke. Neu ist zudem: GT und Polizei wurden inzwischen darüber informiert, dass Bilder einer Überwachungskamera zur fraglichen Zeit eine Person im Innenhof des „Dots“ zeigen – Kapuze tief im Gesicht, im Schatten bleibend. Brandstiftung ist damit sicher nicht mehr auszuschließen. Genau deshalb halten wir uns mit einer abschließenden Bewertung zurück, bis eine offizielle Einschätzung vorliegt.

Warum ein rechter Hintergrund vermutet wird

In der linken Szene Göttingens fällt der Verdacht sofort in eine Richtung: nach rechts. Und das nicht aus Reflex, sondern aus Erfahrung. Ein nächtliches Feuer, das ausgerechnet die Bühne eines der bekanntesten linken Orte der Stadt erfasst, wenige Monate nachdem dieselbe Bar mit 13 Hakenkreuzen überzogen wurde – das als bloßen Zufall abzutun, wäre naiv. Bewiesen ist nichts. Aber wer die Vorgeschichte kennt, versteht, warum niemand hier an einen technischen Defekt glauben mag.

In der Nacht zum 5. Oktober 2025 beschmierten Unbekannte Außenbestuhlung, Wände und Fenster des „Dots“ mit insgesamt 13 Hakenkreuzen, 20 bis 80 Zentimeter groß, in weißer Farbe. Das Staatsschutzkommissariat der Polizeiinspektion nahm Ermittlungen wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Sachbeschädigung auf; von den Tätern fehlte jede Spur. Der Angriff löste damals eine Solidaritätswelle aus. Das Kollektiv ließ sich nicht einschüchtern: „Das Dots ist und bleibt ein Ort, an dem alle willkommen sind – außer Faschisten. Dieser Akt des Hasses wird uns nicht zum Schweigen bringen.“

Diese Schmiererei war kein Einzelfall, sondern Teil einer Eskalation. Eine seit rund zwei Jahren aktive rechte Jugendclique sucht in Göttingen gezielt linke Orte auf, „um Stress zu suchen“ – mal verbal, mal mit Silvesterraketen auf das linksalternative „Juzi“. Eine in Regenbogenfarben gestaltete Treppe und eine Gedenktafel an die NS-Bücherverbrennungen wurden beschmiert. Im Juni 2026 stach ein 17-jähriger Rechtsextremer einem 23-jährigen Antifaschisten knapp am Herz vorbei in die Brust; der Verletzte überlebte nur nach Not-OP und künstlichem Koma. Mehr als 1.000 Menschen gingen daraufhin auf die Straße. Es war die schwerste in einer Reihe rechter Attacken – in einer Stadt, die sich lange als „rote Hochburg“ verstand.

Und der Brand am „Dots“ steht nicht allein. Nur wenige Tage zuvor, in der Nacht zum 1. September 2026, wurde direkt an der Eingangstür des T-Keller – einer weiteren linken Kneipe im Göttinger G19-Häuserkomplex – kurz nach Kneipenschluss ein Plakat in Brand gesetzt. Es warb für ein Konzert des Bündnisses „Rheinmetall Entwaffnen“ in der OM10. Der T-Keller wertet die Tat unmissverständlich als „rechte Aggression“ und Brandstiftung: „Wir lassen uns nicht einschüchtern.“ Der T-Keller sieht die Gefahr ausdrücklich für den gesamten Gebäudekomplex – dort sind auch das Programmkino Kino Lumière und die Queer-Bar „Café Kollektiv Krawall“ zuhause. Zwei brennende Türen linker Läden binnen weniger Tage – das ist kein Zufallsmuster.

Der Verdacht bleibt ein Verdacht, solange die Ermittlungen laufen – das ist die eine Seite. Die andere: Wer die Serie kennt, weiß, dass „ungeklärt“ in diesen Fällen zur Regel geworden ist. Die Hakenkreuze am Dots: Täter unbekannt. Die Raketen aufs Juzi: Täter unbekannt. Der 17-Jährige, der einem Antifaschisten das Messer in die Brust rammte, wurde zunächst wieder auf freien Fuß gesetzt – Stichwort Notwehr. Man muss kein Zyniker sein, um zu erkennen, dass die Behörden rechte Gewalt in Göttingen konsequent kleinredet, während sie linke Strukturen mit Staatsschutz und Repression überzieht. Sollte sich Brandstiftung bestätigen, stünde dieser Brand in einer erschreckenden – und von Polizei wie Justiz viel zu lange geduldeten – Kontinuität rechter Gewalt gegen selbstorganisierte, migrantische und queere Räume.

Was jetzt zählt: Solidarität

Unabhängig davon, was die Ermittlungen ergeben, ist eines klar: Das „Dots“ steht nicht allein. Nach der Hakenkreuz-Attacke hat das Kollektiv gezeigt, dass Einschüchterung nicht verfängt – und auch diese Bühne wird wieder aufgebaut. Solidarität heißt konkret: hingehen, unterstützen, den Ort nicht allein lassen. Angegriffene Freiräume überleben nicht durch Mitleid, sondern durch Menschen, die sich dazustellen.

Faultline aktualisiert diesen Artikel, sobald Feuerwehr oder Polizei belastbare Angaben zur Brandursache machen. Wer in der Nacht zu Freitag im Bereich des Börnerviertels etwas beobachtet hat, sollte sich an die Betroffenen und an antifaschistische Strukturen vor Ort wenden.

Quellen & Faktenlage
  • HNA, „Bühne im Göttinger Börnerviertel steht lichterloh in Flammen“ (Stefan Rampfel, 11.09.2026)
  • HNA, „Unbekannte sprühen Hakenkreuze auf Göttinger Bar Dots“ (Bernd Schlegel, 07.10.2025)
  • Göttinger Tageblatt, „Hakenkreuz-Attacke auf Café Dots löst Solidaritätswelle aus“ (2025)
  • taz, „Linke Hochburg Göttingen: Der rote Schock“ (André Zuschlag, 12.07.2026)
  • Göttinger Tageblatt, „Bühne im Göttinger Café Dots brennt: Steckt Brandstiftung hinter dem Feuer?“ (Nils Bestian, 11.09.2026)
  • T-Keller Göttingen, „Brandstiftung am T-Keller“ (Eigenbericht, 01.09.2026), tkeller.org
  • Selbstdarstellung des Kollektivs, dasdots.de; kulturis.online

Einordnung: Kommando 161. Tatsachenbehauptungen und Vermutungen sind im Text ausdrücklich getrennt.

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Source: Kommando 161