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Zurück zum Protoplasma
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Noch verstehen sie sich gut. Wilhelm Reich (o. l.) im Kreise seiner Psychoanalysekolleginnen und -kollegen um 1925
Noch verstehen sie sich gut. Wilhelm Reich (o. l.) im Kreise seiner Psychoanalysekolleginnen und -kollegen um 1925
Am 18. und 19. Oktober 1952 trafen sich zwei aus Österreich stammende, vor dem Nationalsozialismus in die USA geflohene Gesprächspartner, die unterschiedlicher nicht hätten sein könnten: Der eine, Kurt R. Eissler, war treuer Anhänger Sigmund Freuds und der strenge Leiter des 1951 gegründeten Sigmund-Freud-Archivs in New York City. Der andere, Wilhelm Reich, war Psychoanalytiker, kommunistisch engagierter Sexualberater, Sexual- und Naturforscher – und politisch wie wissenschaftlich zum Dissidenten geworden. Das Gespräch oder besser das Interview, das Eissler mit Reich als Teil eines größeren Zeitzeugen-Projekts führte, ist 1967 erstmals in englischer Sprache erschienen und war auf Deutsch bisher nur als Raubkopie veröffentlicht; nun liegt es erstmals in deutsche Übersetzung als Buch unter dem Titel »Reich über Freud« vor.
Gleich die erste Frage scheint paradigmatisch für das gesamte Gespräch: Eissler »würde gerne alles erfahren, was Sie über Freud wissen, beobachtet haben, und alles, was sie über ihn gedacht haben. Selbst wenn es nicht auf genauer Beobachtung beruht, ist bloß die Tatsache, dass Sie es über Freud gedacht haben, wichtig für uns.« Reich reagiert unmittelbar mit dem Verweis auf den Unterschied zwischen der Psychoanalyse einerseits und seiner eigenen Arbeit andererseits. Dann fordert Reich Eissler auf, eine Fotografie von Freud aus dem Jahr 1925 zu betrachten und stellt heraus, worauf er im gesamten Interview immer wieder zurückkommen wird: Freuds Verzweiflung. Nach Reichs Überzeugung war Freud ab diesem Zeitpunkt in sozialer, theoretischer und gesundheitlicher Hinsicht verloren und hatte aufgegeben. Einsam, ohne echte Freunde, eingeengt – und somit in Reichs Vokabular »genital frustriert« – in seinem Ehe- und Familienleben, umklammert von engstirnigen und unbegabten Bewunderern, geplagt von seinem Krebsleiden, sei er, so Reich später im Interview, wie »ein eingesperrtes Tier« gewesen. Der Krebs selbst erscheint Reich als »Folge von emotionaler Resignation, einem bioenergetischen Schrumpfen, einem Aufgeben von Hoffnung«.
Reich drängt immer wieder darauf, seine Theorie darlegen zu dürfen, in deren Zentrum nicht mehr ödipale Konflikte, sondern gestörte und »aufgestaute« genitale Energien stehen.
In dieser absurden Psychogenetik treten die Stichworte Reichs hervor, die aus den Bereichen Charakteranalyse, Psychosomatik sowie Bioenergetik stammen und neben seinem Konzept der Sexualökonomie bis heute am meisten Bekanntheit erlangt haben dürften. Diese fasst der Psychotherapeut Thomas Harms in seinem hilfreichen Vorwort als Fortsetzung der Freud’schen Libidotheorie auf, in der es Reich darum gehe, den »›Fluss (…) wieder zum Fließen‹ zu bringen«. Den Begründer der »Vegetotherapie« nennt Harms dabei anerkennend den »Vorreiter von heute bekannten Verfahren der körperorientierten Psychotherapie«.
Reich drängt immer wieder darauf, seine Theorie darlegen zu dürfen, in deren Zentrum nicht mehr ödipale Konflikte, sondern gestörte und »aufgestaute« genitale Energien stehen. Überlegungen dieser Art, die das Erreichen einer als vollständig behaupteten orgastischen Potenz zum Ziel haben, denen Kleinfamilie und rigide Sexualmoral im Weg stünden, wurden im Zuge der Studentenbewegung vielfach wiederaufgelegt. Sie lassen Reich, von diesem theoretisch nicht unverschuldet, als einen Orgasmus-Fanatiker erscheinen. Helmut Dahmer hatte dies bereits in seinem Buch »Libido und Gesellschaft« (1973) nicht nur als eine Fetischisierung der Genitalität herausgearbeitet, sondern es auch als therapeutisch-politische Propaganda einer »›naturgemäßen‹ Befriedigungsform der menschlichen Sexualität« kritisiert.
Dass Reich am Ende seines Schaffens eine angeblich bei Menschen und Tieren vorkommende, quasiphysikalische »Orgon-Energie« propagierte – ein Konzept, das sich nicht nur esoterisch anhört, sondern es auch ist –, macht ihn jedoch bis heute für Körpertherapeuten interessant. Gegenwärtig lässt sich nämlich eine Art Revival von Reichs Thesen beobachten, schon allein in dem in der Alltagswelt weitverbreiteten Ausspruch, man solle in den eigenen Körper »hineinfühlen« oder auf ihn »hören«. Zur Kritik von derlei Phantasmen lohnt sich der Blick in Wilhelm Burians psychopolitische Biographie »Sexualität, Natur, Gesellschaft« von 1972, in der Reichs Wende zur Orgon-Kosmologie als »Rückkehr zur Religion« und somit »Endpunkt im Denken« interpretiert wird.
Beim Lesen des Interviews muss man allerdings Mitleid mit Reich empfinden, der von zahlreichen Intrigen psychoanalytischer Kollegen gegen ihn berichtet und zudem auf tragische Weise darlegt, im Laufe seines Lebens von allen im Stich gelassen worden zu sein. Umgeben von emotional sozusagen verpesteten »Modju« – einer weiteren Wortschöpfung Reichs, bestehend aus den Namen Mocenigo (Giovanni Mocenigo, der Giordano Bruno 1592 der Inquisition auslieferte) und Djugaschwili (der georgische Familienname von Josef Stalin, normalerweise als Dschugaschwili transkribiert) – wähnt er sich von Psychoanalytikern, Sozialisten, Nazis und Liberalen verfolgt. Diese Vorstellung bildet sich auch im Interview ab, da Reich sich beinahe minütlich bei Eissler erkundigen muss, ob der ihn wirklich verstehe (»Ist das nun klar? Ist die ganze Sache klar? Möchten Sie mir eine Frage stellen, Dr. Eissler?«). Nahezu paranoid bedrängt Reich seinen Interviewer just bei der Frage, ob diesem das Gerücht über seine, Reichs, angebliche Paranoia bekannt sei.
Reich problematisiert im Anhang zum Interview das seiner Beobachtung nach vielfache Fehlverhalten von Psychoanalytikern aus Freuds Umfeld der zwanziger Jahre. Diese hätten sexuelle Beziehungen mit Analysandinnen gepflegt, diese gar vergewaltigt.
Und dennoch bereitet es beim Lesen des historischen Interviews Freude, Reich zu folgen: Freud benennt er als »eine besondere Mischung aus einem fortschrittlichen, freien Geist, aber gleichzeitig würde ich ihn als einen Gentleman-Professor von 1860 definieren« – man wünscht sich einen Typus dieser Art direkt in die Gegenwart zurück. Die Treffen der Psychoanalytiker in Wien beschreibt er plastisch als unheimlich langweilig, während es ihn in die gesellschaftliche Wirklichkeit und die sozialen Bewegungen trieb. Mit diesen war er über die Polikliniken für proletarische (Ehe-)Paare und der von ihm gegründeten mitgliederstarken Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung viele Jahre leidenschaftlich verbunden.
Auf persönliche Verleumdungen psychoanalytischer Kollegen verzichtet Reich weitgehend, trotz aller erkennbaren emotionalen Kränkung seinerseits. Aber er problematisiert im Anhang zum Interview das seiner Beobachtung nach vielfache Fehlverhalten von Psychoanalytikern aus Freuds Umfeld der zwanziger Jahre. Diese hätten sexuelle Beziehungen mit Analysandinnen gepflegt, diese gar vergewaltigt. Die Häme, die ihm von seinen ehemaligen Kollegen nach Erscheinen seiner sexualökonomischen Schriften entgegengeschlagen sei, erklärt Reich wie folgt: »Sie lebten in Ehen, die sie hassten. Ich beendete meine Ehe, als sie meine Arbeit zu zerstören drohte. Als ich es nicht mehr ertragen konnte, ging ich. Und das erschien ihnen unmöglich.« Hier mag man Reich gerne Glauben schenken, gerade mit Blick auf die Bigotterie vieler Psychoanalytiker und ihrer Institutionen.
Zu kurz kommt im von dem orthodoxen Freudianer Kurt Eissler geführten Interview das intensive zunächst sozialdemokratische, dann kommunistische Engagement Wilhelm Reichs, das 1927 nach den »Arbeitermorden« rechtsradikaler Frontkämpfer und der Julirevolte in Wien begann. Reich erinnert sich im Interview daran, dass Freud ihm gesagt habe, die Rettung der Welt sei nicht die Aufgabe der Psychoanalyse. Reich hingegen wollte erst die Familie abschaffen und die Sexualität erneuern und dann – was auch immer das sein soll – durch Körper- und Energiearbeit »zurück zum unverdorbenen Protoplasma« gelangen.
Trotzdem fragt er Eissler schließlich, ob er denn noch als Psychoanalytiker angesehen werde, während er dies für sich im Laufe des Interviews mehrfach ausschließt. Eissler antwortet ihm: »Das ist schwer zu sagen. Ihre historische Rolle war ohne Zweifel die eines Analytikers.«
Wilhelm Reich, Kurt R. Eissler: Reich über Freud. Psychosozial-Verlag, Gießen 2026, 133 Seiten, 24,90 Euro
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Source: jungle.world