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Wahl-Wahn in Bizarro-Berlin
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Antiamerikanisches Ressentiment, Nationalismus und Kitsch, alles auf nur einem Bild: Wahlplakat in Berlin
Antiamerikanisches Ressentiment, Nationalismus und Kitsch, alles auf nur einem Bild: Wahlplakat in Berlin
In Berlin wird bald gewählt, doch statt um Stimmen werben die Parteien um Mitleid dafür, dass sie doch auch längst keine Ahnung mehr haben, was sie eigentlich tun sollen und warum. Ein Spaziergang durch die vollplakatierten Straßen gleicht einer Reise in ein groteskes Spiegeluniversum, in dem alles kopfsteht und nichts mehr Sinn ergibt.
Die SPD hat alle Hoffnung fahren lassen. Ihr Spitzenkandidat Steffen Krach blickt einem vom Großplakat so grimmig-säuerlich entgegen, als hätte das Parlament gerade Kriegskredite abgelehnt. Der angegebene Grund ist fast genauso schlimm: »Der Mietenwahnsinn endet jetzt.« Eine Tragödie: Die SPD, in Berlin seit dem Mauerfall ununterbrochen, wie man so sagt, in Regierungsverantwortung, hat mit großer Mühe und Beharrlichkeit den hier einst verbreiteten Billigmieten und Sozialwohnungen den Garaus gemacht und tapfer dem Volksentscheid »Deutsche Wohnen und Co. enteignen« getrotzt. Nun, verlassen vom Lebenswillen, plakatiert sie eine präemptive Todesklage über ihr politisches Vermächtnis, den Mietenwahnsinn. Dass sie es schon bei dieser Wahl schafft, unter fünf Prozent zu fallen und so das ganze Elend endlich hinter sich zu bringen, ist Umfragen zufolge unwahrscheinlich. Nicht mal das Scheitern will der SPD noch glücken.
Auch das gehört zur Wahrheit: Bei allen Fehlern, die dem Führer bedauerlicherweise unterlaufen sind – der Wirtschaft ging es unter seiner Regierung blendend.
Der CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers macht hingegen vor, wie man sich die gute Laune nicht verderben lässt. Auf seinem Plakat prangt zwar das verzweifelte Plädoyer: »Einer muss vernünftig sein.« Doch Evers verschränkt intransigent die Arme und tut so, als hätte er den Aufruf nicht gehört; mit abwesendem Lächeln schaut er in die Ferne, nach ganz weit rechts. Die CDU wird die Forderungen der bei ihr von jeher als kommunistisch verschrienen Vernunft auch weiterhin souverän ignorieren.Die Grünen versuchen es mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ihr »Plan für Berlin« lautet: »Keine Versprechen.« Der sogenannte Markenkern der Grünen besteht seit jeher darin, es zwar besser zu wissen, aber am Ende trotzdem schweren Herzens aus politischer Verantwortung für das Falsche zu stimmen; sie sind in der Tat eine Partei, von der man sich nichts versprechen kann. Das grammatisch gewagte Wahlkampfmotto »Raus aus dem Rückwärts« macht klar, wohin die Reise geht: Heute stehen wir am Abgrund, morgen werden wir einen großen Schritt weiter sein.
Die Liebe zum Vaterland und Hetze gegen Einwanderer will ja schon lange niemand mehr den Rechtsextremen überlassen, die FDP ist aber die erste Partei diesseits der »Brandmauer«, die auch die von der AfD geforderte erinnerungspolitische Wende vollzieht. Sie postuliert: »Wirtschaft gut. Alles gut.« Denn auch das gehört zur Wahrheit: Bei allen Fehlern, die dem Führer bedauerlicherweise unterlaufen sind – der Wirtschaft ging es unter seiner Regierung blendend.
Zu denken gibt ein Plakat der AfD: »Migration braucht Grenzen.« Stimmt eigentlich: ohne Grenze kein Grenzübertritt; Immigration lässt sich am einfachsten verhindern, indem man die Grenzen abschafft, die sie erst ermöglichen. Deutschland endlich grenzenlos: Können die ganz Linken und die ganz Rechten sich etwa auf dieses hehre Ziel einigen?
Das BSW verkündet kühn: »Kritik an Israel ist kein Antisemitismus.« Dazu bildet es ein weinendes Mädchen vor dem Hintergrund einer zerstörten Stadt ab. Berlin ist zwar längst wiederaufgebaut, doch den BSW-Freiheitskämpfern ist klar: Sollte die »gefährlich ehrliche« Partei bei der Wahl so gut abschneiden wie die israelkritische Hamas bei der in Gaza 2006, wird das für seine unverhältnismäßige Gewalt bekannte israelische Militär Berlin alsbald in ein Trümmerfeld verwandeln. Abzuwarten bleibt, ob das BSW in der Schlussphase des Wahlkampfs seine mutige Kampagne gegen Zensur fortsetzen wird mit »Kritik an Frauen ist kein Sexismus«, »Kritik an Behinderten ist kein Ableismus« und »Kritik an Nichtariern ist kein Rassismus«.
Die einzige Partei, die es in Berlin mit knallharter Provokation versucht, ist Volt. Jeden Lokalpatriotismus beleidigend plakatiert sie: »Freiheit ist die schönste Stadt der Welt.« Freiheit, einst Teil des Reichsgaus Sudetenland, heißt seit 1945 offiziell Svoboda nad Úpou und gehört heute zu Tschechien. Dass Volt diese Kleinstadt von rund 2.000 Einwohnern als Vorbild für Berlin präsentiert, muss ein versteckter Hinweis auf den Sinn ihres rätselhaften Wahlkampfmottos »Unf*ck Berlin« sein: Die Hauptstadt soll offenbar in einen Zustand der Jungfräulichkeit zurückversetzt werden, indem alle Zugewanderten zur Remigration nach Schwaben, oder wo sie sonst herkommen mögen, veranlasst werden, so dass die letzten paar Urberliner die Stadt wieder für sich haben. Auf einen Schlag wäre so auch die Wohnungskrise gelöst.Eine Klasse für sich bilden traditionell die Plakate der Linkspartei. Auch diesmal sind sie so langweilig und dröge, dass das dumpfe Gefühl, welches sie im Kopf hinterlassen, sich jeder Verbalisierung entzieht.
Das schönste, anrührendste und lustigste Wahlplakat in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat vor knapp zehn Jahren Matthias Ilgen, SPD-Bundestagskandidat für den Wahlkreis Nordfriesland, in die Welt gebracht. Darauf ist zu sehen, wie Ilgen die Axt in Richtung eines Baumes schwingt, auf dessen Stamm sich auf magische Weise das Arschgesicht Donald Trumps zeigt. Darüber steht der Slogan: »America First? Ilgen Förster!« In einem absonderlichen Sinne schön ist die Verbindung von rotem Sakko und kursiv gesetzten Nullsätzen (»Für ein besseres Europa!«), lustig ist der selbstvergessen-euphorische Gesichtsausdruck des Sozialdemokraten beim Schwingen der Axt. Anrührend ist die Riesenkluft zwischen Weltpolitik und der eigenen, sich in jedem Bilddetail ausdrückenden Provinzialität.
Das Ilgen-Förster-Plakat zu übertreffen, wird schwer möglich sein. Aber die Parteien im Berliner Wahlkampf geben sich enorme Mühe, so viel kann man sagen. Die Hochkomik des nordfriesischen SPD-Kandidaten bleibt unerreicht, aber auch hier springen einem Fehlleistungen entgegen. Das kann ein traurig anmutendes Detail sein, wie der völlig resignierte Gesichtsausdruck des Linkspartei-Kandidaten Ahmed Abed, der vom Plakat melancholisch auf die Wählerinnen und Wähler herabsieht, so als wüsste er, dass Berlin bereits verloren ist.
Aufgekratzt zupackend gibt sich die CDU, die scheint’s weiter versucht, der AfD die Wähler zu klauen, indem sie ihnen suggeriert, man sei genauso stramm rechts, nur halt in bürgerlich und ohne Verfassungsschutz auf den Fersen.
Aufgekratzt zupackend hingegen gibt sich die CDU, die scheint’s weiter versucht, der AfD die Wähler zu klauen, indem sie ihnen suggeriert, man sei genauso stramm rechts, nur halt in bürgerlich und ohne Verfassungsschutz auf den Fersen. Die AfD will »Berlin. Sicher. Machen«, die drei Punkte versprechen markant, dass hier keine Faxen gemacht werden sollen, sondern kurzer Prozess. Die CDU kontert etwas wachsweich mit »Berlin wird sicher« und »Mehr Videoüberwachung«.
Offensichtlich ist da bei den Themenkomplexen »Linksgrünversifft« und »Ausländer« mehr Agenturenergie ins Brainstorming geflossen. »Jedem Anfang wohnt ein ›sauber‹ inne«, lautet die Ansage. Dazu schaut der CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers gleichermaßen tatkräftig wie ergriffen aus dem Plakat heraus in eine von ihm visionierte Zukunft: ein Stadtbild ohne Kotze und »Sterni«-Flaschenscherben auf den Bürgersteigen. Auch was das Themenfeld Bildungspolitik angeht, hat sich jemand sehr bemüht und beim Pitch kräftig mit den Augen gezwinkert: »Goethes Faust statt linker Haken«. Hier verbirgt sich in der literaturgeschichtlichen Referenz gleich noch der mindestens vorbewusste Wunsch, dem politischen Gegner die Fresse zu polieren.
Der setzt derweil, wie einst Matthias Ilgen, zumindest in der Linkspartei-Hochburg Berlin auf Weltpolitisches und plakatiert »Freiheit für Palästina«, ohne allerdings zu verraten, wie weit die Möglichkeiten reichen, vom Berliner Abgeordnetenhaus aus auf den Israel-Palästina-Konflikt einzuwirken. Egal. Das BSW macht mit und hat auf einem seiner erkennbar KI-generierten Plakate ein palästinensisches Kind vor ein Trümmerfeld montiert und den Satz »Kritik an Israel ist kein Antisemitismus« hinzugefügt. Das stimmt, so rein semantisch. Kritik nicht, zumindest nicht per se, das Plakat hingegen schon. Die unüberbrückbare Distanz zwischen Weltgeschehen und der eigenen Provinzialität wird durch das unter ästhetischen Gesichtspunkten vielleicht schönste Plakat des Berliner Wahlkampfs noch einmal maximiert, das ebenfalls vom BSW stammt: Es zeigt einen Dackel mit leerem Blick und einer um den Hundehals gebundenen Deutschlandfahne, und an der Leine hängt das Star-Spangled Banner. Daneben ist das schon bedenklich dumme Versprechen zu lesen: »Weniger Washington. Mehr Deutschland.«
Da verblassen die deutschen Liberalen im Vergleich doch sehr. Während die FDP routiniert Nullsätze verbreitet und inzwischen wohl wirklich keine Lust mehr hat (»Wer Freiheit will, muss Freiheit wählen«, aber auch »Wirtschaft gut. Alles gut.«) und der Nachwuchs in Gestalt der Partei Volt sich für die Grenzdebilität entschieden hat (»Wirtschaft wird aus Mut gemacht«), versucht die SPD es mit Sympathie und Sexyness und ihrem Spitzenkandidaten Steffen Krach. Der schaut einnehmend freundlich und auch ein bisschen schelmisch, strahlt aber in der Kombination aus Normattraktivität und lustig-anzüglichem Slogan (»Wollt ihr mit mir gehen?«) etwas latent Ted-Bundy-Haftes ab.
Für die Gelegenheiten, bei denen Tatkraft und Konkretion verlangt werden, kneift Krach die Augen zusammen, entschlossen zur Tat. Der dazu mitgelieferte Slogan lautet: »Mietenwahnsinn stoppen«. Die Frage »Warum gerade jetzt?« – nach rund 35 Jahren SPD-Regierung und Regierungsbeteiligung in Berlin – drängt sich dem Betrachter, dem von dem ganzen Schwachsinn nicht schon die Birne komplett weichgekocht worden ist, doch sehr auf. Ahmed Abed jedenfalls hat das einzige wahrhaftige Plakat des diesjährigen Wahlkampfes in die leidgeplagten Straßen Berlins gehängt.
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Source: jungle.world