Faultline Faultline Kommando 161

Germany · jungle.world · · 3h

Von der Straße ins Parlament

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Wahlkampf mit wenig Mitteln. Der 58jährige Thomas Lindlmair (parteilos) kandidiert fürs Berliner Abgeordnetenhaus

Wahlkampf mit wenig Mitteln. Der 58jährige Thomas Lindlmair (parteilos) kandidiert fürs Berliner Abgeordnetenhaus

René Krüger sitzt an seinem Stammplatz vor einem Supermarkt in Berlin-Neukölln auf einem zerfransten Teppich und berichtet, dass er keine Postadresse mehr habe. »Wenn Sie nicht erreichbar fürs Amt sind, wird es scheiße schwer, Geld zu kriegen«, sagt ihm Thomas Lindlmair und schürzt die Lippen. Ob Krüger sich ins Wählerregister für die Berliner Wahl zum Abgeordnetenhaus eingetragen habe? Der Obdachlose verneint. Lindlmair unterhält sich noch eine halbe Stunde lang mit ihm. Für einen Politiker im Wahlkampf mit wenig Zeit ist das eher ungewöhnlich. Zum Abschied drückt er Krüger einen Fünfeuroschein und seine Visitenkarte in die Hand, auf die er handschriftlich die Adresse der Union für Obdachlosenrecht (UfO) notiert hat, und ergänzt: »Wir treffen uns jeden zweiten Dienstag, kommen Sie vorbei.«

Dass Lindlmair ein politisches Mandat anstrebt, war alles andere als vorgezeichnet. Aus gesundheitlichen Gründen wurde er bereits in seinen Dreißigern frühverrentet. »Damals bin ich restlos zusammengebrochen«, teilt der gebürtige Bayer der Jungle World mit. Seine Herkunft hört man ihm noch an. Als er aus seiner damaligen Wohnung in einer bayerischen Stadt zwangsräumt wurde, zog er zunächst weiter nach Mecklenburg-Vorpommern und kam später nach Berlin. Dort verbrachte Lindlmair im Winter 2020 nach eigener Aussage drei Nächte auf der Straße, bevor ihn ein Anwalt in eine Unterkunft einklagte. Insgesamt war er zwei Jahre wohnungslos. Mittlerweile hat er wieder eine Wohnung und engagiert sich für die Rechte von Obdachlosen.

»Ich sammle nebenher Flaschen, um mir den Wahlkampf zu finanzieren.« Thomas Lindlmair, parteiloser Kandidat fürs Berliner Abgeordnetenhaus

In Berlins Notunterkünften lebten nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbands im Januar 2026 etwa 57.000 Menschen – rund zehnmal mehr als 2012; zusätzlich sind rund 6.000 bis 7.000 Obdachlose auf der Straße. Hauptursache ist der Wohnungsmangel, der sich in den vergangenen Jahren drastisch verschärft hat. Laut der Investitionsbank Berlin (IBB) ergab sich zwischen 2012 und 2022 ein Angebotsdefizit von mindestens 73.500 Wohnungen. »Je teurer und knapper Wohnraum ist, desto mehr Menschen werden obdachlos«, so Timothy Redfern, Referent für Armut und Wohnungsnotfallhilfe beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, bei einem Pressegespräch. Obdachlosigkeit werde zwar häufig von individuellen Schicksalsschlägen ausgelöst, ihre Ursachen seien aber strukturell.

Weiter geht es auf der Neuköllner Hermannstraße. Lindlmair trägt nicht nur einen Rucksack und zieht einen Wagen voller Wahlplakate, sondern schleppt auch noch eine große Plastiktüte mit sich. »Ich sammle nebenher Flaschen, um mir den Wahlkampf zu finanzieren«, sagt er. Nicht nur finanziell macht sich bemerkbar, dass der Mann mit dem grauen Vollbart keinen Parteiapparat im Rücken hat. Ihm fehlen vor allem Zeit und Wissen, gibt er zu. Mit Social Media kenne er sich zum Beispiel nicht aus. Stattdessen hofft Lindlmair auf die QR-Codes, die zu seiner Website führen und die er auf alle seine Wahlplakate gedruckt hat. Eine Bekannte war von seiner Kandidatur so begeistert, dass sie ihm 60 Wahlplakate von Hand aus Karton bastelte. Aufhängen muss er sie jedoch allein. Während Lindlmair ein Plakat mit dem Körper an eine Laterne drückt, bringt er einen Kabelbinder nach dem anderen an und zieht sie fest. Zwischendrin stöhnt er: »Schon wieder ein schlecht gestanztes Loch.«

Lindlmair macht sich diese Mühe, weil er ein großes Ziel hat. Er will ein einklagbares Recht auf eine eigene Wohnung in der Berliner Verfassung verankern. »Die Mieter müssen deutlich stärker davor geschützt werden, ihre Wohnung zu verlieren; egal, was sie auf dem Kerbholz haben«, sagt er. Denn auf der Straße warteten Hunger, Gewalt und Drogen. »Ich habe erst durch mein heutiges Engagement gemerkt, was mir erspart geblieben ist.« Genau das will er unter dem Motto »Einer wie Du« ins Abgeordnetenhaus tragen. Lindlmair kritisiert, dass dort vor allem Akademiker:innen sitzen: »Bei den etablierten Parteien habe ich als ehemals wohnungsloser Mensch keine Chance.« Schon bei der Bundestagswahl 2021 trat er als Einzelkandidat an. Diesmal versucht er es im 2. Neuköllner Wahlkreis – der vom Hermannplatz bis zur Ringbahn reicht – erneut. Ist das nicht aussichtslos? »Wenn ich immer zuerst überlege, ob ich wirklich erfolgreich bin, muss ich gar nicht erst anfangen«, antwortet Lindlmair schulterzuckend.

»Wenn ich immer zuerst überlege, ob ich wirklich erfolgreich bin, muss ich gar nicht erst anfangen.« Thomas Lindlmair 

Das Thema Wohnen ist im Wahlkampf präsent, allen voran durch die Linkspartei. Die macht die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne zur Bedingung für eine Koalition. Obwohl Lindlmair 2021 selbst Hunderte Unterschriften für das Volksbegehren sammelte, hält er es mittlerweile für falsch: »Ich bin Pragmatiker. Zeiten ändern sich – was gestern richtig gewesen ist, kann heute falsch sein.« Er fürchtet, dass durch den Anstieg der Immobilienpreise und die Zinssteigerung die Kosten für die Vergesellschaftung heute viel höher wären und ­diese deshalb die Mieten stark steigen lassen würde. Denn im Falle einer Vergesellschaftung ist geplant, die anfallenden Entschädigungszahlungen durch die Mieten abzubezahlen.

Scharf kritisiert Lindlmair zudem die CDU für ihre Pläne, das Tempelhofer Feld zu bebauen. Während er ein Plakat aufhängt, spricht ihn ein Tempelhofer an. Der Mann habe Angst, dass durch die Bebauung auch der Mietspiegel des Umkreises ansteige. »Dann muss ich da weg. Aber das ist doch mein Zuhause!«, ruft er empört. Lindlmair wittert seine Chance: »Schauen Sie mal, ich bin Einzelkandidat und kämpfe für die Erhaltung des Tempelhofer Felds.« Doch der Mann habe bereits die Linkspartei gewählt. Lindlmair verzieht das Gesicht. Trotzdem ist er mit dem Wahlkampf zufrieden. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich überhaupt Unterstützung kriege«, sagt er. Es zähle, was nach der Wahl passieren wird, denn: »Die Phrasen auf den Wahlplakaten helfen keinem Mieter.«

Read the full story at the source

Source: jungle.world