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Von Beirut nach Karabach
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Bewaffnete Patrouille. Asala-Mitglieder an der Grenze zum aserbaidschanischem Nachitschewan, Januar 1990
Bewaffnete Patrouille. Asala-Mitglieder an der Grenze zum aserbaidschanischem Nachitschewan, Januar 1990
Im September 2020 brach zwischen Armenien und Aserbaidschan der zweite Krieg um die international nicht anerkannte Republik Arzach aus, so der armenische Name für die in Aserbaidschan gelegene Exklave Bergkarabach. Damals behauptete der aserbaidschanische Botschafter in der Türkei, Khazar Ibrahim, Armenien habe Kämpfer zweier terroristischer Gruppierungen in das Kampfgebiet gebracht, um mit deren Unterstützung weitere Teile Aserbaidschans zu erobern. Bei diesen Terrorgruppen handle es sich um die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und die Armenische Geheimarmee zur Befreiung Armeniens (Armenian Secret Army for the Liberation of Armenia, Asala). Belege gab es dafür nicht. Bei Ibrahims Behauptung handelte es sich wohl um Propaganda mit dem Ziel, in der türkischen Öffentlichkeit Zustimmung zu dem von der Türkei unterstützten militärischen Vorgehen Aserbaidschans zu erzeugen.
Zu diesem Zweck versuchte Ibrahim, den Eindruck zu erwecken, Aserbaidschan kämpfe gegen zwei der wichtigsten Feinde des türkischen Staats. Denn während die Asala in Europa und den USA weitgehend in Vergessenheit geraten ist, seit sie Anfang der neunziger Jahre den bewaffneten Kampf eingestellt hat, ist sie in der Türkei als Feindbild nach wie vor präsent. Das erklärt sich nicht nur aus der Geschichte dieser Gruppierung, sondern aus dem Kontext des türkisch-armenischen Konflikts, der bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Er erreichte seinen historischen Höhepunkt im ab 1915 verübten Genozid an den im Osmanischen Reich lebenden Armeniern und dem 1920 zwischen dem neu gegründeten armenischen Staat und der Atatürk-Türkei ausgebrochenen Krieg.
Die Asala entstand Mitte der siebziger Jahre in Beirut als befreiungsnationalistische Gruppierung und verband armenischen Nationalismus mit Marxismus-Leninismus.
Als politische Organisation entstand die Asala Mitte der siebziger Jahre im libanesischen Beirut als befreiungsnationalistische Gruppierung und verband armenischen Nationalismus mit marxistisch-leninistischer Ideologie. Ihr Ziel war es, ehemalige armenische Siedlungsgebiete im Osten der heutigen Türkei, das sogenannte Westarmenien, vom »türkischen Kolonialismus« zu befreien und die Welt an den vergessenen Genozid an den Armeniern zu erinnern. 1975 jährte sich dieser zum 60. Mal. Zehn Jahre zuvor hatte es zum ersten Mal weltumspannende Gedenkveranstaltungen der armenischen Diaspora gegeben, die sich maßgeblich aus Überlebenden des Genozids und deren Nachfahren zusammensetzte.
Insbesondere in Kalifornien und Frankreich, den westlichen Zentren der armenischen Diaspora, wurde eine sich politisierende Generation junger Armenier:innen von der Bürgerrechtsbewegung und der Neuen Linken beeinflusst. Diese Generation beschäftigte sich auch mit der Frage, was es angesichts des Sterbens der Zeitzeugen des Genozids und der Integration ihrer Nachfahren in die Gesellschaften der Aufnahmeländer für sie bedeutet, Armenier zu sein. Eine Frage, die einige mit einem sich modernisierenden und radikalisierenden Nationalismus beantworteten.
Beirut war das dritte wichtige und vielleicht das bis in die siebziger Jahre politische wichtigste Zentrum der armenischen Diaspora und auch des armenischen Nationalismus. Hier existierten armenische Parteien weiter, die sich mit dem Entstehen einer nationalen armenischen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts im Osmanischen Reich gebildet hatten, allen voran die Armenische Revolutionäre Föderation (ARF), die sogenannten Daschnaken. Zugleich war der Libanon aber auch ein Zentrum bewaffneter, vor allem palästinensischer Organisationen mit marxistisch-leninistischer Programmatik. Unter anderem hatte hier die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) ihr Hauptquartier, die den bewaffneten Kampf gegen Israel führte.
Der im irakischen Mossul geborene Mitgründer und Anführer der Asala, Harutiun Tokaschian, besser bekannt als Hagop Agopjan, hatte denn auch seine politische Laufbahn in den Reihen bewaffneter palästinensischer Gruppen begonnen, bevor er mit deren Unterstützung die Asala gründete. Aus diesem Ursprung dürfte sich auch maßgeblich der antizionistische Antisemitismus erklären, der sich in Verlautbarungen der Asala findet. Als Aktionsform wählte die Gruppe Attentate auf internationale Repräsentanten des türkischen Staats. Damit stellte sie sich in die Tradition bewaffneter Rache an den Tätern des Genozids. Anfang der zwanziger Jahre hatten Militante der ARF im Rahmen der »Operation Nemesis« Verantwortliche für den Genozid liquidiert, darunter 1921 in Berlin den ehemaligen Innenminister und Großwesir des Osmanischen Reichs, Mehmed Talât Pascha.
Als Aktionsform wählte die Gruppe Attentate auf internationale Repräsentanten des türkischen Staats. Damit stellte sie sich in die Tradition bewaffneter Rache an den Tätern des Genozids.
Die Asala war in den siebziger und achtziger Jahren nicht die einzige Organisation, die an diese Tradition anknüpfte. Es gab die der ARF nahestehenden Gerechtigkeitskommandos des armenischen Völkermords (Justice Commandos of the Armenian Genocide, JCAG), die zwischen 1975 und 1987 ebenfalls Anschläge auf türkische Diplomaten verübten und dabei 25 Menschen töteten. Im allgemeinen Bewusstsein wurde aber vor allem die Asala mit armenischen Terrorismus identifiziert. Tatsächlich führten die Angriffe von Asala und JCAG im November 1977 zu einem Geheimtreffen zwischen dem türkischen Außenminister İhsan Sabri Çağlayangil und hochrangigen Vertretern der armenischen Diaspora. Çağlayangil wollte ausloten, ob eine Verständigung möglich sei, die zu einem Ende der Attentate führen könne.Das erste Treffen brachte erwartungsgemäß keine Resultate und zeigte erneut die Gräben auf, die zwischen den Nachfahren der Ermordeten und Vertriebenen und den Vertretern des türkischen Staats bestanden, der jede Verantwortung für diese Verbrechen leugnete. Wenige Wochen später zerbrach die türkische Regierungskoalition. Çağlayangils Nachfolger setzten die Bemühungen um eine Verhandlungslösung nicht fort. Stattdessen jagten türkische Geheimdienste die Asala-Mitglieder. Aus Sicht der türkischen Rechten lebte in der Asala der armenische nationalistische Terrorismus der achtziger und neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts wieder auf, der in diesen Kreisen bis heute als Rechtfertigung für die gewaltsame Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich gilt.
Dass sich die Asala nur bis Ende der achtziger Jahre als bewaffnet operierende Organisation halten konnte, lag jedoch nicht nur an der Verfolgung durch den türkischen Staat. Die Grundlage für ihren Niedergang legte die Organisation maßgeblich selbst. Ein Anschlag auf den Pariser Flughafen Orly 1983, der acht Menschenleben forderte, führte zu einer Spaltung der Organisation. Eine Gruppe um den jungen US-amerikanischen Armenier Monte Melkonian, der den Angriff als »faschistischen Akt« kritisierte, spaltete sich ab. Agopjan ließ in der Folge mehrere »Verräter« hinrichten. Er selbst wurde 1988 in Athen auf offener Straße erschossen, als verdächtig gelten sowohl türkische Geheimdienstler als auch Asala-Militante.
Die Asala war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits weitgehend zerbrochen. Der Zerfall der Sowjetunion, die Entstehung eines armenischen Nationalstaats und der gleichzeitig eskalierende Karabach-Konflikt eröffneten einigen ihrer ehemaligen Kämpfer ein neues Betätigungsfeld. Melkonian und einige andere Militante der Asala schlossen sich 1991 den in Karabach kämpfenden Truppen an.
Melkonian stieg zu einem der bekanntesten armenischen Kommandeure im Krieg gegen Aserbaidschan auf. Bis heute wird diskutiert, welche Verantwortung er in dieser Rolle für von armenischen Truppen begangene Kriegsverbrechen trägt. Knapp ein Jahr vor dem Ende des mit einer Niederlage Aserbaidschans endenden Kriegs um Karabach 1994 fiel Melkonian in einem Gefecht mit aserbaidschanischen Soldaten und wurde als Nationalheld in Eriwan bestattet. Auf einem Militärfriedhof finden sich neben Melkonians Ruhestätte Gräber und Gedenksteine für Dutzende weiterer Asala-Kämpfer. Asala-Militante, die nach der Verbüßung langer Haftstrafen in Westeuropa und den USA entlassen wurden, siedelten sich im Lauf der Jahre in Armenien an.
Im Herbst 2023 kam es zu mehreren Anschlägen auf die einzige Synagoge Armeniens in Eriwan. Ein Telegram-Kanal, der sich »Asala Young« nennt, reklamierte dafür die Verantwortung – wobei die historische Asala mitteilte, sie habe keine Jugendorganisation, sei in Armenien nicht präsent und habe mit dem Anschlag nichts zu tun.
Entgegen der Behauptung der aserbaidschanischen Regierung gibt es keine Anhaltspunkte, dass die Asala heutzutage mehr als ein Kreis ergrauter und geehrter Veteranen in Eriwan ist. Allerdings ist sie nicht nur für das Regime in Baku noch immer ein Bezugspunkt, sondern auch in nationalistischen armenischen Kreisen. Insbesondere der Antisemitismus der Asala diente in jüngster Zeit als Anknüpfungspunkt. Im Herbst 2023 kam es zu mehreren Anschlägen auf die einzige Synagoge Armeniens in Eriwan. Ein Telegram-Kanal, der sich »Asala Young« nennt, reklamierte dafür die Verantwortung, die damit gegen das »jüdische Zentrum« vorgehen wollte, das »im Interesse Tel Avivs und Alijews zionistischer Junta spioniert« – wobei die historische Asala mitteilte, sie habe keine Jugendorganisation, sei in Armenien nicht präsent und habe mit dem Anschlag nichts zu tun.
Dessen Anlass war der Krieg im Gaza-Streifen und die militärpolitische Kooperation Israels mit Aserbaidschan unter Präsident Ilham Alijew. Diese hat das Ziel, ein Gegengewicht zum Iran in der Region am Kaspischen Meer zu bilden; im Iran leben mehr Aseris als in Aserbaidschan selbst. Die Kooperation trug aber auch zur Modernisierung der aserbaidschanischen Armee und dessen heutiger militärischer Überlegenheit bei, die 2023 die Eroberung der Republik Arzach und die Vertreibung ihrer Bewohner:innen ermöglichte.
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Source: jungle.world