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Sie wollen Männlichkeit
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Verloren auf dem falschen Gleis zur modernen Männlichkeit? Ein Bundeswehrsoldat will den Zug erwischen
Verloren auf dem falschen Gleis zur modernen Männlichkeit? Ein Bundeswehrsoldat will den Zug erwischen
Vor 16 Jahren legten einige Grüne ein Manifest vor, in dem sie mehr feministisches Engagement von Männern forderten. Nun debattieren die Grünen über ein neues Männermanifest mit dem Titel »Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit«. Eine Gruppe um die Co-Bundesvorsitzende Franziska Brantner hat es verfasst und fordert »ein positives Bild, was gute Männlichkeit sein kann«. Erforderlich sei das, weil autoritäre Bewegungen Geschlechterpolitik zu einem ihrer wichtigsten Themen machen. Aber braucht die Gesellschaft überhaupt noch ein Ideal von Männlichkeit? Antje Schrupp fordert, dass der Feminismus an seinem eigentlichen Versprechen festhalten sollte: Freiheit statt neuer Normen. Jan Stich schlägt vor, dem Antifa-Macker ein Update zu verpassen. Selin Gören bezweifelt, dass Männer Anleitung und ein attraktives Identitätsangebot benötigen, um sich wie empathische, aufmerksame Mitmenschen zu verhalten.
Liebe Männer, höret her! Oh weh, was will der Feminismus nun wieder von euch? Fürchtet euch nicht, denn es wurde ein Manifest für euch geschrieben. Endlich geht es auch mal um eure Sache, um euer Leid – und einen Ausweg daraus. Zumindest so, wie ihn sich elf Männer und drei Frauen der Partei Bündnis 90/Die Grünen ersinnen. Sie fordern in besagtem Manifest eine »moderne Männlichkeit«. Der Feminismus, so die Diagnose, habe mit seiner Männlichkeitskritik eine Leerstelle entstehen lassen, die nun von frauenhassenden Influencern wie Andrew Tate und ihren »alten« Männlichkeitsbildern gefüllt werde. »Wir haben vergessen, ein Angebot zu machen«, heißt es im Manifest scheinbar selbstkritisch.
Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass auf feministische Errungenschaften und das Beharren der Frau auf ihrem Subjektstatus stets Gegenwehr folgte. Da hätte auch ein noch so nettes Identitätsangebot für Männer die Wogen wohl nicht geglättet. Außerdem stellt sich die Frage, warum der Feminismus, in dessen Begriff die Frau (femina) als sein Subjekt gesetzt ist, den Männern überhaupt eine akzeptable Männlichkeit entwerfen sollte. Aber häufig entlarvt sich der Gekränkte eben durch den Reflex, dem Kritiker vorzuwerfen, er mache keine konstruktiven Gegenvorschläge.
Zum Feminismus gehört nicht zwangsläufig eine »moderne Männlichkeit«, aber zu der Welt, in der es den Feminismus braucht, gehören Männer.
Die Kritik im mehrheitlich von Männern verfassten Manifest gibt sich als Selbstkritik aus – nur um im Folgenden nach dem Prinzip, sich durch Selbstbezichtigung Autorität anzumaßen, in aller Dreistigkeit zu konstatieren: »Zu Feminismus gehört auch moderne Männlichkeit«. Die Autoren entwerfen sich als feministische Mitstreiter, um nun selbst legitimerweise Forderungen an die scheinbar eigene Bewegung stellen können. Aber die Bewegung zur Emanzipation der Frauen benötigt aus sich heraus keine Männlichkeit. Im Gegenteil: Traditionelle Männlichkeitsnormen sind Kennzeichen jener Ordnung, von der der Feminismus die Frauen befreien will. Nun schließt Dreistigkeit allerdings nicht aus, recht zu haben, denn tatsächlich sind die Grünen an dieser Stelle etwas auf der Spur.
Denn egal wie männerfrei und frauenzentriert man den Feminismus als Bewegung definieren mag, seine Realität ist die hierarchische Geschlechterordnung. Sonst müsste es ihn gar nicht geben. Sprich: Wenn man die Männer nicht allesamt von der Erde fegen will, muss man eben mit ihnen rechnen. Zum Feminismus gehört damit nicht zwangsläufig eine »moderne Männlichkeit«, aber zu der Welt, in der es den Feminismus braucht, gehören Männer. Zwischen Männern und Männlichkeit zu unterscheiden, ist den Autoren des Manifests offenbar schwergefallen. Dabei hatte man doch eigentlich längst gemeint, verstanden zu haben, dass sowohl Weiblichkeit als auch Männlichkeit soziale Konstrukte sind, die bestimmte gesellschaftliche Organisationsmodelle stützen. Allerdings passt dieser Lapsus nur allzu gut in eine Zeit, in der Geschlechtsidentität mit Geschlecht verwechselt wird und die entsprechenden Identitätsmarker vornehmlich eine Währung im politischen Feld geworden sind. Sich als Mann vernünftig zu verhalten, reicht demnach nicht aus: Das Identifikationsmoment »Mann« selbst muss noch positiv aufgewertet werden.
Antje Schrupp kritisierte an dieser Stelle, das grüne Manifest übersehe, dass Männer nie ein kollektives politisches Subjekt waren. Was junge Männer heute verunsichere, sei, dass sie »gar keine Vorstellung davon haben, was eine männliche Geschlechtsidentität überhaupt beinhalten soll. Denn Männer, das sind doch einfach nur Menschen.« Schrupp meint, dass Männer sich als Universalsubjekt sehen, als geschlechtliches Wesen hingegen verstünden sie nur die Frau. Eine Beobachtung, die sie Simone de Beauvoir entlehnt und der man zunächst zustimmen möchte. Allerdings wäre die Erkenntnis, dass Männer nur Menschen sind, eine, die bei vielen von ihnen noch aussteht. Und das Manifest ist in dieser Hinsicht bereits auf dem richtigen Weg, wenn es verkündet, das alte Männerbild »hat Männer in Rollen gezwungen, die sie krank gemacht haben«, und dieses »alte Bild hat Männer von ihrer eigenen Menschlichkeit abgeschnitten«.
Nun ist Menschlichkeit ein etwas klebrig gewordenes Wort. Befreit man den Begriff jedoch von unschönen Assoziationen mit Friedensbewegung und Querdenkern, bleibt der Mensch als räsonierendes, handelndes und fühlendes Wesen übrig. Gerade Handlungsfähigkeit und das Gefühlsleben werden durch Männlichkeitsideale beschädigt, wobei die Zurichtung des Gefühlslebens meist ursächlich für die Einschränkung der Handlungsfähigkeit ist. Das Stereotyp der emotionalen Frau wird dabei dem des rationalen Mannes entgegengestellt, der im schlimmsten und vermutlich häufigsten Fall alle unerwünschten Gefühlsregungen in sich runterquetscht, bis sie sich in Form des einzigen als männlich akzeptierten Gefühls – Aggression – Bahn brechen. Gesund ist das nicht und Spaß haben dabei auch die wenigsten.
Die Grünen konzentrieren sich in ihrer Kritik vor allem auf die beiden Männlichkeitsvorschriften der Stärke und Verantwortung. Um sie zu modernisieren, verpasst man ihnen einfach einen grünen Anstrich. So bedeute »wahre Stärke« nicht, »andere klein zu machen, sondern gemeinsam zu wachsen«, und Verantwortung solle man zum Beispiel dafür übernehmen, »Strukturen zu bekämpfen, die andere Menschen einschränken«. Männer müssen also weiterhin stark sein für das – nun eben »modern« verstandene – Gute. Männlicher Heroismus bleibt damit weiter das Ideal.
Ganz so neu und modern, wie die Verfasser einem das verkaufen wollen, ist es also nicht. Neu ist höchstens, was man als das Gute definiert, je nachdem, wofür die Männer gerade eingespannt werden sollen. Schrupp schreibt, dass die Männer nun auch wie bisher die Frauen dem Konformitätszwang untergeordnet werden sollen. Als Beispiel dafür nennt sie den Vorstoß des US-Verteidigungsministers Pete Hegseth, der US-Soldaten Testosteron spritzen will. Gerade dieses militärische Beispiel zeigt aber, dass Männer ebenfalls über ihr Geschlecht kollektiviert wurden und werden: Soldatische Männlichkeit macht in vielen – und machte vor nicht allzu langer Zeit in noch mehr – Ländern als Anforderung vor keinem Mann halt, nämlich dort, wo Männer der Wehrpflicht unterliegen.
Der Gegenspieler der Frau und des Manns ist dabei der gleiche. Die Männer müssen endlich anfangen, sich gegen die Männer zu verteidigen.
Auch Männer werden entindividualisiert und entmenschlicht. Der Gegenspieler der Frau und des Manns ist dabei der gleiche. Die Männer müssen endlich anfangen, sich gegen die Männer zu verteidigen.
Vom Mann lediglich eine neue Spielart der Stärke zu verlangen, wie es das Männermanifest der Grünen tut, setzt ihre Zurichtung im Status quo fort. Erklärungsbedürftig ist auch, warum diese Stärke nun spezifisch männlich sein soll. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es für die Verfasser eine Position weiblicher Stärke gibt oder ob der Frau nur die Unterordnung bleibt. Das Manifest scheint Stärke den Männern überlassen zu wollen, nur sollen die sich Fragen stellen wie: »Nutzt du deine Stärke, um zu dominieren? Oder um zu ermöglichen?« Und es gibt ihnen Kalendersprüche an die Hand über den »Mut, andere groß werden zu lassen, ohne Angst zu haben, selbst kleiner zu werden«. Das Manifest stellt eine Sammlung von Männlichkeitsklischees dar, deren grüner Anstrich die alte Ideologie nicht recht verdecken kann. Wollten sich die Männer wirklich helfen, so müssten sie sich ihr Subjektsein selbst erkämpfen. Und das bedeutet, sich gegen misogyne und homophobe Geschlechtsgenossen zu stellen, die durch Männlichkeitsideale den Mann zurichten.
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Source: jungle.world