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Rendite auf Kosten der Beschäftigten

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Auto adieu. Das VW-Werk in Osnabrück soll von einem Rüstungsunternehmen übernommen werden

Auto adieu. Das VW-Werk in Osnabrück soll von einem Rüstungsunternehmen übernommen werden

Am Ende ging es unerwartet schnell. Wochenlang tobte im VW-Konzern ein erbitterter Machtkampf. Betriebsrat und Gewerkschaften machten – mit Unterstützung des Landes Niedersachsen als Anteilseigner mit Sperrminorität – mobil gegen das Sanierungskonzept des Konzernvorstands um seinen Vorsitzenden Oliver Blume. Mit drastischen Einschnitten soll nach dem Willen der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch der Automobilkonzern aus der Krise geführt werden.

Bis zuletzt hatten Beo­bach­ter:in­nen eine weitere Eskalation des Konflikts erwartet. So drohte die Konzernspitze mit der Ausgliederung der Kernmarke Volkswagen-PKW und der Komponentensparte aus dem Konzern. Im einst von den Nationalsozialisten mit dem Geld der enteigneten Gewerkschaften gegründeten VW-Konzern können wesentliche Entscheidungen wie die Verlagerung oder Schließung von Werken nur mit Zustimmung der Arbeit­nehmer:in­nen­vertreter im Aufsichtsrat gefasst werden. Der angedrohte Unternehmens­umbau hätte die erweiterten Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats bei Volkswagen ausgehebelt und faktisch das Ende des VW-Gesetzes von 1960 bedeutet. Damals war der vormalige Staatskonzern privatisiert worden – mit der wichtigen Einschränkung, dass das Land Niedersachsen 20,2 Prozent erhält und in Aktionärsversammlungen Beschlüsse nur mit mindestens 80 Prozent Mehrheit beschlossen werden können. Damit war das Land gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat in der Lage, unliebsame Entscheidungen zu verhindern.

Nachdem sich Vorstand und Betriebsrat bereits 2024 auf den Abbau von 50.000 Stellen geeinigt haben, sollen nun bis 2030 weitere 50.000 Arbeitsplätze wegfallen.

Anfang September dann die überraschende Wende: Unter dem Eindruck der Drohungen von Seiten der Unternehmensleitung beschloss der Aufsichtsrat einstimmig das nach VW-Angaben »strategisch tiefgreifendste Transformationsprogramm in der Geschichte der Volkswagen Group«. Die geplanten Ausgliederungen sind zwar vom Tisch und damit auch die Einschränkung der Mitbestimmung, die Kapitalseite konnte ihr einschneidendes Sparprogramm auf Kosten der Beschäftigten jedoch weitgehend durchsetzen. Dass auch die Vert­re­ter:in­nen des Landes Niedersachsen und der Arbeitnehmer:in­nen­seite das Sanierungskonzept mittragen, gilt als Erfolg Blumes.

Zentrales Ziel des Vorstandskonzeptes ist die Steigerung der jährlichen Rendite bis 2030 auf neun Prozent. Dazu will der Konzern sein Beteiligungsportfolio verkleinern und sich von zahlreichen Unternehmensanteilen trennen. Die Zahl der hergestellten VW-Modelle soll bis 2035 um die Hälfte verringert und die Werkskapazitäten in Europa um 500.000 Fahrzeuge jährlich gesenkt werden.

All das hat verheerende Auswirkungen für die Beschäftigten: Nachdem sich Vorstand und Betriebsrat bereits 2024 auf einen Abbau von 50.000 Stellen geeinigt haben, sollen nun bis 2030 weitere 50.000 Arbeitsplätze wegfallen. Die VW-Werke Emden, Zwickau, Hannover und das Audi-Werk in Neckarsulm stehen zur Disposition, da derzeit »keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gestaffelt ab den Jahren 2031 bis 2034 gewährleistet werden« könne, verlautete eine Konzernmitteilung. Zu Deutsch heißt das: Die in den dortigen Werken gefertigten Modelle werden eingestellt. Der Erhalt aller vier Standorte gilt als äußerst unwahrscheinlich, auch wenn für diese Werke »parallel und ergänzend alternative Verwendungsmöglichkeiten« geprüft werden sollen, wie der Konzern mitteilte.

Während Betriebsrat und Gewerkschaft versuchen, die Einigung als Teilerfolg zu präsentieren und auf die Verteidigung der Mitbestimmung und den ausgehandelten Aufschub für etwaige Werksschließungen verweisen, wissen die Kapitalmärkte durchaus, wer erfolgreich aus der Machtprobe beim Großkonzern hervorging. Der Aktienkurs von VW konnte nach der Zustimmung des Aufsichtsrats zur Einigung ein deutliches Plus verzeichnen.

Die Hoffnung der Beschäftigten richtet sich nun auf eine Alternativnutzung der Standorte nach dem Ende des des Autobaus. Zukunft könnte die Rüstungsproduktion versprechen. 

Die Hoffnung der Beschäftigten in den von der Schließung bedrohten Werken richtet sich nun auf eine Alternativnutzung der Standorte nach dem Ende des des Autobaus. Zukunft könnte die Rüstungsproduktion versprechen. In Osnabrück scheint sich das anzubahnen. Bereits im Sommer 2027 läuft im dortigen VW-Werk mit seinen rund 2.000 Beschäftigten die Produktion aus. Um den Standort zu halten, steht Volkswagen kurz vor einem Abschluss mit dem staatlichen israelischen Rüstungsunternehmen Rafael Advanced Defense Systems (Rafael). Dieses könnte in Osnabrück künftig Transportfahrzeuge, Abschussvorrichtungen und Stromgeneratoren für die europäischen Ab­neh­mer:in­nen seines Raketenabwehrsystems »Iron Dome« fertigen. Eine Absichtserklärung zur Umstellung des Werks wurde bereits im April unterzeichnet. Betriebsrat und IG Metall begrüßen die Pläne.

Ein regelrechtes Förderprogramm könnten die Sparbeschlüsse bei Volkswagen für die AfD werden. Während Niedersachsen als VW-Anteilseigner vor allem auf Lösungen für die Standorte in Emden und Hannover drängt, fehlt es in Zwickau an einer entsprechenden Lobby. Zuletzt schrumpfte die dortige Belegschaft bereits von rund 11.000 auf 8.000 Mi­tar­bei­ter:in­nen. Rund 1.000 weitere Stellen sollen demnächst wegfallen und 2027 soll eine der beiden Produktionslinien stillgelegt werden. Eine Schließung hätte für die sächsische Wirtschaft fatale Folgen. Derzeit hängt jeder vierte Industrie­arbeitsplatz in Ostdeutschland an der Automobilindustrie. Das Ende des Werks würde Zulieferbetriebe ebenso treffen wie die zahlreichen von VW ­abhängigen Dienstleister.

Wird Zwickau geopfert, wäre dies Wasser auf die Mühlen des Anti-Esta­blishments-Kurses der AfD, die sich als einzige Streiterin für ostdeutsche Interessen inszeniert.

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Source: jungle.world