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Rechter Spuk in Dover

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Daniel Thomas bei der flüchtilingsfeindlichen Aktion der rechtsextremen »Patriot Platform« am 6. September in der englischen Hafenstradt Dover.

Daniel Thomas bei der flüchtilingsfeindlichen Aktion der rechtsextremen »Patriot Platform« am 6. September in der englischen Hafenstradt Dover.

Den Bewohnern von Dover, der Stadt mit den weißen Klippen an der eng­lischen Küste des Ärmelkanals, bot sich am vorvergangenen Samstag ein gespenstischer Anblick: In den Morgenstunden sprangen etwa 150 mit Sturmhaube vermummte, in Schwarz gekleidete Männer von Lastwagen und blockierten die Zufahrt zum Fährhafen von Dover. Dieser ist der Ankunftsort für den überwiegenden Teil der Flüchtlinge, die in kleinen Booten vom französischen Calais übersetzen und dann in Aufnahmezentren gebracht werden. Die Vermummten forderten einen Aufnahmestopp jeglicher Asylbewerber in Großbritannien und riefen: »Stoppt die Boote«, und: »Christus ist der König.« Ansonsten interagierten die Männer kaum mit genervten Autofahrern und der überforderten Polizei. Diese beendete die Blockade stundenlang nicht, bis die Männer plötzlich wieder abzogen.

Die Zahl der Flüchtlinge, die per Boot über den Ärmelkanal kamen, ist im Vergleich zum Vorjahr um über 40 Prozent gesunken. Doch in der britischen Rechten bleibt dies ein Thema mit großem Agitationspotential. Bei den Vermummten handelte es sich um Angehörige der »Patriot Platform«, einer erst im Mai gegründeten rechtsextremen Gruppe. Ihr Gründer und Anführer ist Daniel Thomas, auch bekannt unter seinem Spitznamen Danny Tommo. Er ist ein alter Protegé des rechtsradikalen Aktivisten Tommy Robinson alias Stephen Yaxley-Lennon.

Die »Patriot Platform« um den Rechts­extremisten Daniel Thomas unterhält enge Beziehungen zu christlichen Nationalisten in den USA.

Mit seiner Aktion in Dover verfolgt Thomas jedoch eine andere Strategie als sein früherer Bundesgenosse. Im Juni sagte er in einem Video, dass die gewaltsamen rassistischen Ausschreitungen in Southampton und Belfast einige Tage zuvor ein taktischer Fehler gewesen seien: »Wir müssen ein bisschen schlauer sein. Gute Männer und Frauen können jetzt nicht mehr am Kampf teilnehmen, weil sie im Gefängnis sitzen.«

Statt Protesten, die spontan über soziale Medien verabredet werden, wünscht sich Thomas ein organisierteres Vorgehen. Außerdem sollen seine Gefolgsleute Gewalt und Vandalismus meiden. Die Aktionen der »Patriot Platform« scheinen zumindest zum Teil von Straßenblockaden im Rahmen von Klimaprotesten inspiriert zu sein. Die schwarze Vermummung wurde wohl von linksautonomen Gruppen aus Kontinentaleuropa übernommen.

Die »Patrioten« um Thomas behaupten, britische Frauen und Kinder vor kriminellen illegal Eingereisten beschützen zu wollen. Wie viele britische Rechtsradikale stand Thomas jedoch schon selbst im Konflikt mit dem Gesetz. Vor zehn Jahren wurde er wegen versuchter Entführung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Damals hatten Thomas und seine Mittäter versucht, einen Mann zu entführen, von dem sie fälschlicherweise meinten, dass er ihnen Drogen im Wert von 10.000 Pfund gestohlen habe.

Nun sagt Thomas, dass er sich seit seiner Verurteilung dem Christentum zugewandt hat und wöchentlich in die Kirche gehe. Seine Hingabe zur Religion könnte jedoch auch etwas damit zu tun haben, dass die »Patriot Platform« enge Beziehungen zu christlichen ­Nationalisten in den USA unterhält und der BBC zufolge in diesem Milieu um Spenden wirbt.

Auch Thomas’ Aufruf zur Gewalt­losigkeit trug nicht allzu weit. Nur einen Tag nach der Blockade in Dover kam es im weiter westlich gelegenen Portsmouth zu einer weiteren Aktion der »Patriot Platform«. Ein Boot mit 120 Flüchtlingen hatte den Kanal über eine längere und gefährlichere Route von Cherbourg aus überquert und war von der britischen Seenotrettung in den Hafen von Portsmouth geschleppt worden. Busse, welche die Flüchtlinge von dort zu einer Aufnahmeeinrichtung nach Dover bringen sollten, wurden bis in die frühen Morgenstunden des folgenden Montags von Thomas’ Rechtsextremisten aufgehalten. Als die Polizei die Versammlung nach neun Stunden auflöste, reagierten Thomas’ Gefolgsleute mit Gewalt. Sieben Beamte wurden dabei leicht verletzt und Fahr­zeuge der Polizei und Küstenwache beschädigt.

Im Livestream durfte man mitverfolgen, wie ein aufgeregter Thomas vor Polizisten mit seinen Taten aus Dover prahlte, sich aus ungeklärten Gründen vor laufender Kamera übergab und später ins Meer sprang, um dem Zugriff der Polizei zu entgehe

Trotz der Ausschreitungen bekam Thomas am Folgetag Besuch von Zia Yusuf. Der Sprecher der rechtspopulistischen Partei Reform UK musste sich Thomas’ Ärger über den Parteivorsitzenden Nigel Farage anhören. Denn Farage hatte die Vermummung der »Patriot Platform« kritisiert und die Gruppe als »schrecklich« bezeichnet. Der Parteitag von Reform UK in Birmingham hatte am selben Tag wie die Blockade in Dover stattgefunden. Farage stand dort unter Druck, denn mehrere Spendenskandale um die Partei werden hauptsächlich ihm und seinen Beratern angelastet. Ein Investigativbericht des Fernsehsenders Channel 4 hatte mutmaßlich illegale Parteispenden aus dem Ausland enthüllt, die Polizei kündigte an, Untersuchungen einzuleiten. Deshalb waren wenige Tage vor dem Parteitag zwei Referenten des Parteivorsitzenden zurückgetreten. Wenige Tage danach wurden zudem zwei weitere Großspenden an die Partei im Umfang von insgesamt 72 Millionen Pfund öffentlich, die von zwei Krypto-Milliardären stammen, Ben Delo und Christopher Harborne. Letzterer stand bereits in einem vorherigen Skandal um nicht deklarierte Spenden im Fokus.

Gleichzeitig steht Farage von rechts unter Druck durch die rechtsextreme Partei Restore Britain. Deren Vorsitzender Rupert Lowe hatte sich mit den Vermummten von Dover sogleich solidarisch erklärt und verkündet, dass seine Partei »stolz an der Seite derer steht, die in Dover friedlich gegen illegale Einwanderung ­demonstrieren«.

Seinen christlichen ­Unterstützern aus den USA bot Daniel Thomas auf jeden Fall mehr, als es jeder rechtspopulistische Parteitag könnte: Während des Protests in Portsmouth teilte er einen Livestream auf Youtube. Hier durfte man mitverfolgen, wie ein aufgeregter Thomas vor Polizisten mit seinen Taten aus Dover prahlte, sich aus ungeklärten Gründen vor laufender Kamera übergab und später ins Meer sprang, um dem Zugriff der Polizei zu entgehen. Noch später bat er dann Seenotretter um eine Decke und eine Flasche Wasser. »Das ist mein Menschenrecht«, sagte der Rechts­extreme an dieser Stelle.

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Source: jungle.world