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Punks im Exil
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Kirche oder Punkerladen? Die Eingangstür der Muha Bar in Eriwan
Kirche oder Punkerladen? Die Eingangstür der Muha Bar in Eriwan
Die Punks sind schon da, müssen aber draußen warten. Der kleine Park in der Marschall-Baghramjan-Straße füllt sich. Dort, im Keller des Hauses der armenischen Schriftstellervereinigung, befindet sich die »Muha Bar«. Für den Abend sind drei Punkbands angekündigt: Lower Minds aus Tiflis, Nul aus Barcelona und ein Überraschungsgast. Der Flug der Spanier hatte aber Verspätung. Also abwarten und Bier trinken.
Die »Muha Bar« existiert seit November 2023. »Es gab vorher nur eine sehr kleine Auswahl an Lokalen, in denen man Konzerte spielen konnte«, erzählt Betreiberin Anna Schwartz. »Alle verlangten horrende Gebühren, also haben wir unser eigenes eröffnet.« Im Park hört man mehr Russisch als Armenisch. Anna selbst ist Russin und im Mai 2022 aus Moskau nach Eriwan gekommen. Offenbar sind ihr viele aus der russischen Punkszene gefolgt. »Die Szene in Russland hat sich entwickelt, Moskau und Sankt Petersburg erreichten internationales Niveau. Aber dann ging alles den Bach runter.«
Das Publikum versucht, sich zu den Blastbeats zu bewegen, die sind aber zu schnell für die schon etwas angeheiterten Russen. D-Beat eben, benannt nach der englischen Band Discharge, die Anfang der Achtziger das Tempo mächtig erhöht hatte.
Draußen beim Rauchen erzählen noch mehr Leute, dass sie vor vier Jahren abgehauen sind. Einer von ihnen trägt einen Augenbrauen-Piercing und Ringe an den Fingern, bei seinem weißen Hemd sind die Ärmel abgeschnitten. Er sei aus Moskau weg, als der Krieg losging, sagt er, und seitdem nie wieder dort gewesen. Er und seine Freundin würden in der »besten Ruinenbar der Stadt« arbeiten, was auch immer das heißt. An eine baldige Rückkehr denkt niemand von ihnen.
Die erste Band fängt an. Es ist das Debüt einer Band, die so neu ist, dass sie noch keinen Namen hat. Die beiden, die gerade noch das Bier ausgeschenkt haben, stehen plötzlich auf der Bühne. Einer schreit so, dass es klingt, als würde ein Schwein abgestochen, der andere sitzt am Schlagzeug. »Er war eine lokale D-Beat-Berühmtheit in Sankt Petersburg«, sagt Anna über Letzteren. Das Publikum versucht, sich zu seinen Blastbeats zu bewegen, die sind aber zu schnell für die schon etwas angeheiterten Russen. D-Beat eben, benannt nach der englischen Band Discharge, die Anfang der Achtziger das Tempo mächtig erhöht hatte.
Lower Minds, erzählt Anna, sind ebenfalls aus Russland abgehauen und haben einen Punkertreff aufgebaut – nur eben in Tiflis. Die Musik erinnert an britischen Oi-Punk aus den Achtzigern. Kaum ein Lied ist länger als eine Minute; trotzdem geht vor der Bühne den drei testosterongesteuerten Glatzen, die nun auch die Treppe in den Keller gefunden haben, schon nach der Hälfte des Sets die Luft aus – Punk sei Dank. Sonst hätte nur eine ordentliche Bierdusche geholfen: Wenn man den Tritt verliert, sind keine unsinnigen high kicks möglich. Dass einem das erspart blieb, dankt der Geldbeutel; immerhin kostet das Bier in der »Muha Bar« umgerechnet etwa fünf Euro.
»Hier wird hauptsächlich Metal gespielt«, berichtet Anna über die Subkultur in Eriwan. »Daher bilden Russinnen und Russen, die nach dem großangelegten Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine aus Russland geflohen sind, den Kern sowohl des Publikums als auch der Musikszene.« Aber es ist nicht so, als hätte es zuvor keinen Punk in Armenien gegeben: 2000 gründete sich zum Beispiel Incest. die erste rein weibliche armenische Punkband. Die leistete damit absolute Pionierarbeit in der damals noch kleinen und konservativ geprägten Szene. Die Nachfolgeband Pincet spielte ihren Elektropunk 2011 sogar bei der Istanbul Pride.
Inzwischen ist das Flugzeug aus Barcelona gelandet. Nul kommen an, gehen gleich auf die Bühne und machen erst mal einen Soundcheck, zu dem die Ersten schon zu tanzen anfangen. Auch die testosterongesteuerten Glatzen sind zurück. Leider scheint ihre aggressive Art des Tanzens sonst niemanden im Publikum zu stören. Und leider sind sie zu weit entfernt für einen Tritt in die Kniekehle.
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Source: jungle.world