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Ostwind of Change

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»Wir, die Normalen«: Hans-Thomas Tillschneider schwenkt gerne belehrend den Zeigefinger

»Wir, die Normalen«: Hans-Thomas Tillschneider schwenkt gerne belehrend den Zeigefinger

Der stellvertretende Landesvorsitzende der AfD Sachsen-Anhalt ist ein bescheidener Mann. In öffentlichen Gesprächsformaten hält oder zieht sich Hans-Thomas Tillschneider gern zurück. Stellt man ihm eine Frage, ziert er sich. Postet er etwas auf X, löscht er es nicht selten kurz darauf. Ein nachdenklicher, ein selbstkritischer Mann. Jemand, der sich gern im Hintergrund hält. Während der Vorsitzende der sachsen-anhaltischen AfD-Landtagsfraktion, Ulrich Siegmund, die Aura eines regional erfolgreichen Schlagersängers hat, der jede Thermomix-Party im Kreis beschwipster Hausfrauen rockt, wirkt Tillschneider wie ein Lehrer, der gerne erklärt, das Wort »Humor« stamme aus dem Lateinischen und bedeute »Flüssigkeit«. Lustiger wird es mit ihm nun einmal nicht. Er ist ein ernster Mann. Ein Denker. Ein Vordenker gar, was in einer Partei voller großer Geister keine kleine Auszeichnung darstellt.

Man spürt bei Tillschneider aber mehr noch als bei jemandem wie Bea­trix von Storch diese innere Verbindung zu echten Geistesriesen. Aleksandr Dugin zum Beispiel, oder Ayatollah Khomeini. Wohl ihnen zu Ehren trägt er einen Rauschebart, der – als wär’s Absicht – nicht so prächtig ausfällt wie der des Berliner Zeitung-Tycoons Holger Friedrich. Tillschneider muss nicht den Längsten haben. Äußerlichkeiten sind dem 48jährigen aus gutem Grund nicht wichtig. Wichtig ist ihm, dass er noch alle Russlandtassen im Schrank hat. Auch das ist in seiner Partei alles andere als selbstverständlich. Doch warum genau schwenkt der in Rumänien geborene Banater Schwabe schon mal eine Russlandfahne, wenn ihm doch die deutsche Identität so besonders am Herzen liegt? Ganz einfach: In Russland herrsche eine »in der Tradition verwurzelte Lebensweise, die sich mehr und mehr als Gegenentwurf zur traditions-, identitäts- und geschlechtslosen Regenbogengesellschaft des Westens« begreife. Ähnliches sagt der studierte Islamwissenschaftler womöglich auch über den Iran, Saudi-Arabien und Namibia.

Wer richtig zuhört, versteht: Tillschneider will aus identitätspolitischen Gründen etwas mehr Russland und Iran in Deutschland wagen. Deshalb muss man Homosexuelle nicht gleich an Baukränen aufhängen – da ist der AfD-Politiker moderat.

Wer richtig zuhört, versteht: Tillschneider will aus identitätspolitischen Gründen etwas mehr Russland und Iran in Deutschland wagen. Deshalb muss man Homosexuelle nicht gleich an Baukränen aufhängen – da ist der AfD-Politiker moderat. Bei Alice Weidel reicht es womöglich, sie von der Politik abzuhalten und einem gottgewollten Hausfrauendasein zuzuführen. »Wenn die Völker Europas überleben wollen, müssen sie die Vormacht des Regenbogens brechen«, sagte Tillschneider mal in einer Landtagsrede. Das »Regenbogen-Imperium« hat er als Feind ausgemacht. »Wir, die Normalen, Vernünftigen, Verwurzelten«, hätten das erkannt – und: »Im Widerstand gegen dieses Imperium steht uns Russland am nächsten.«

Tillschneider sagt es klipp und klar: Russland ist super. Und das heutige Deutschland nicht, weil es gar nicht deutsch ist. Deutsch ist, was ihm wohl seine Banater-Schwaben-Eltern in Rumänien als deutsch vorgelebt haben: hin und wieder eine saftige Backpfeife und ansonsten die Klappe halten. Kloppe statt Kuschelkurs. Unterdrückung der Sexualität statt Rumgeschwule. 19. statt 21.Jahrhundert. Und Nationalismus statt Multikulti. Hier steht Tillschneider, der ein großer Bewunderer des Islam ist, ganz in der Tradition der Salafisten. Wozu Demokratie und Menschenrechte, wenn man doch in einer ganz eigenen Tradition verwurzelt ist? Der des Christentums zum Beispiel. Das hat dem frommen Intellektuellen zufolge mit Menschenrechten, der Gleichwertigkeit aller, Fremdenfreundlichkeit und dem modernen Schuldkult der Regenbogen-Trullas ja nun mal wirklich gar nichts zu tun. Dazu sei es viel zu deutsch.

Der Kreuz- und Querdenker Tillschneider weiß auch, warum das Christentum in den USA so entartet und in Russland so naturrein ist. Aber er sagt es nicht. Es ist diese nachdenkliche Bescheidenheit, die ihn manchmal schweigen lässt, wo andere »Vagabunden«, »Ostküste« oder »Hochfinanz« sagen würden. Tillschneider sagt lieber »unipolare Weltordnung« oder erklärt, der Islam würde unter anderem vom Zentralrat der Juden »benutzt, um in Deutschland multikulturelle Verhältnisse herbeizuführen«. Es gehe dabei gar nicht um den Islam, sondern darum, »die deutsche Kultur zu schwächen« – und »letzten Endes die Abschaffung unseres Volkes«.

Da ist Russland allemal besser dran. Da ist er sich mit seinem Kumpel, dem feierfreudig-geselligen Jürgen Elsässer vom Magazin Compact, ganz einig und hat mit ihm 2023 einen Verein namens Ostwind gegründet, um den Frieden und die Freundschaft mit Russland zu pflegen. Schließlich sitze im Kreml mit Putin ein »echter Kerl, ein richtiger Mann mit gesundem Wertegerüst«. Aber das versteht wohl nur, wer nicht vom dekadenten Globalismusvirus verseucht ist. Entsprechend unverstanden ist der fromme Patriot, der seine Reden gerne mit »Gott ist mit uns. Gott ist mit der AfD« beendet, im eigenen Land. Selbst umsturzbereite Rechtsex­tremisten, deren Nähe Tillschneider nicht scheut, können ihm nicht immer ganz folgen. Zum Beispiel wenn er die Deutschen unter Hitler zu den Palästinensern Europas erklärt: »Israel straft die Palästinenser kollektiv für die Verbrechen der Hamas. Genau das Gleiche gilt übrigens für die Deutschen und den Holocaust. Man kann nicht das ganze deutsche Volk in Verantwortung ziehen für die Verbrechen einiger weniger.«

Außerdem hat Annalena Baerbock schon viel schlimmere Dinge gemacht. Zum Beispiel als Frau Karriere.

Und wie steht es mit dem Verständnis der Menschen in seiner eigenen Partei? Die lassen Hans-Thomas Tillschneider einfach mal machen. Dass er seit 2020 vom Verfassungsschutz überwacht wird, eine kremltreue Kolumne in der russischen Tageszeitung Wedomosti schreibt, im Oktober 2025 Putins Geburtstag in der russischen Botschaft Berlin gefeiert hat und antisemitische Verschwörungsmythen verbreitet, die islamistischen Rappern Respekt abnötigen dürften – das sind Privatangelegenheiten. Und fallen in der demokratisch gewählten Partei nicht weiter auf. Außerdem hat Annalena Baerbock schon viel schlimmere Dinge gemacht. Zum Beispiel als Frau Karriere.

Der Vollbartträger Tillschneider ist ein dialektischer Denker, ein Differenzierer, jemand, der es komplex mag. So ist er gegen Frühsexualisierung, aber für das Recht 63jähriger Liedermacher, sich nackt auf 16jährige Mädchen zu legen und Liebe zu machen. Natürlich nur, solange es einvernehmlich ist. »Männerfeindliche Propaganda« gegen Konstantin Wecker lehnt er so selbstverständlich ab wie muslimische Ehen, wenn das Mädchen nicht volljährig ist. Solche Gedankengänge sind einem Siegmund tendenziell zu hoch. Deshalb ist »Uli« der Mann für die volksnahe Party, während »Tille« im Hintergrund eine »Bildungsreform« austüfelt. Und die soll Deutschland ein bisschen mehr so machen wie Russland: autokratisch, autoritär, arm und asozial.

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Source: jungle.world