Faultline Faultline Kommando 161

Germany · jungle.world · · 3h

»Niederknien vor dem antiisraelischen Altar«

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Matheus Alexandre promoviert am Soziologischen Institut der Universität von Ceará mit einer Dissertation über den zeit­genössischen Antisemitismus in Brasilien. Er arbeitet außerdem bei Stand With Us Brasil, einer aus den USA stammenden NGO, die sich für die Aufklärung antisemitischer Vorurteile einsetzt.

Matheus Alexandre promoviert am Soziologischen Institut der Universität von Ceará mit einer Dissertation über den zeit­genössischen Antisemitismus in Brasilien. Er arbeitet außerdem bei Stand With Us Brasil, einer aus den USA stammenden NGO, die sich für die Aufklärung antisemitischer Vorurteile einsetzt.

Ihnen zufolge hätten die meisten Juden in Brasilien vor dem 7. Oktober 2023 wahrscheinlich gesagt, dass Antisemitismus kein besonders großes gesellschaftliches Problem darstellt. Was hat sich nach dem 7. Oktober geändert?

Zuvor gab gelegentlich antisemitische Vorfälle im linken Milieu, und der Antisemitismus bei den neonazistischen Zellen hat uns in den vergangenen Jahren viel beschäftigt. Wir dachten aber, dass Antisemitismus in Brasilien nur am Rande der Gesellschaft vorkommt. Nach dem 7. Oktober vollzog sich eine regelrechte Wende. Antisemitismus und antisemitische Ansichten über Israel wurden immer häufiger, selbst unter demokratisch eingestellten Linken. Es verbreiteten sich immer mehr Verschwörungstheorien. In den vergangenen drei Jahren ist der Antisemitismus fast alltäglich geworden.

»Unmittelbar nach dem 7. Oktober ging ein Meme viral, das auf der einen Seite Maria, die Mutter Jesu, mit seinem Leichnam im Arm zeigte, auf der anderen Seite eine palästinensische Mutter mit dem Leichnam ihres Sohnes, der angeblich von Israel ermordet worden war.«

Für Ihre Forschung führen Sie Interviews mit Juden in ganz Brasilien. Was erzählen die Ihnen?

Viele sagen mir, dass sie seit dem 7. Oktober teilweise sogar zum ersten Mal das Bedürfnis verspüren, sich als Juden zu bekennen. Andere wiederum sprechen von der Angst davor, jüdische Symbole offen zu tragen. Ich glaube, die jüdische Gemeinschaft hat in den vergangenen drei Jahren so viel über Antisemitismus gesprochen wie noch nie in der jüngeren Geschichte des Landes. Das letzte Mal, dass die jüdische Gemeinschaft sich gezwungen sah, sich über Antisemitismus auszutauschen und organisiert dagegen vorzugehen, war in den Dreißigern und Vierzigern. Das war während des Regimes von Getúlio Vargas, das institutionell antisemitisch war.

Gab es nicht auch einen starken Antisemitismus unter der Militärdiktatur, die von 1964 bis 1988 in Brasilien herrschte?

Ja, diese Diktatur war ebenfalls antisemitisch. Diese historischen antisemitischen Episoden fanden aber unter autokratischen, diktatorischen Regimen statt. Seit 1988 haben wir in Brasilien eine Demokratie, und der 7. Oktober 2023 hat das Leben der Juden erstmals innerhalb einer demokratischen Gesellschaft verändert.

Begegnet Ihnen im Antisemitismus in Brasilien etwas Spezifisches?

Brasilien ist ein sehr katholisch geprägtes Land. Der Vorwurf, dass die Juden Jesus umgebracht haben, wird hier vielfach in den sozialen Medien verbreitet. Unmittelbar nach dem 7. Oktober ging ein Meme viral, das auf der einen Seite Maria, die Mutter Jesu, mit seinem Leichnam im Arm zeigte, auf der anderen Seite war eine palästinensische Mutter mit dem Leichnam ihres Sohnes abgebildet, der angeblich von Israel ermordet worden war. Die Bildunterschrift lautete: »2.000 Jahre später dieselbe Geschichte.«

Ist das eine Vorstellung, mit der man tatsächlich Linke gegen Juden aufbringen kann?

Ja, sogar eine linke Parlamentarierin hat diesen Vorwurf vor kurzem verbreitet. Das Parlament sollte Jorge Messias für einen Sitz am Obersten Gerichtshof bestätigen. Der Wunschkandidat der linken Regierung ist aber durchgefallen. Senatorin Kátia Abreu vom Partido dos Trabalhadores (PT) postete daraufhin auf X, dass jede Epoche ihren eigenen Judas hätte, und »Judas war Jude«. Sie suggerierte damit, dass Senatspräsident David Samuel Alcolumbre (der Jude ist; Anm. d. Red.) in dieser Abstimmung Präsident Lula da Silva, der ebenfalls dem PT angehört, verraten hätte. Also ja, diese religiöse Mythologie des Gottesmordes ist in der brasilianischen Populärkultur weitverbreitet.

»Seit dem 7. Oktober sind etwa 20 Bücher in portugiesischer Sprache veröffentlicht wurden, die in der ein oder anderen Form eine antizionistische Perspektive einnehmen.«

Im Oktober steht in Brasilien die Präsidentschaftswahl an. Sie haben die Sorge geäußert, dass die Juden zu einem Wahlkampfthema gemacht werden könnten. Können Sie das erläutern?

Genau wie es bereits in vielen Ländern der Welt der Fall ist, in denen Israel, der Zionismus und die Juden zum Thema von Wahlkämpfen geworden sind, befürchte ich, dass das auch in Brasilien passieren könnte. Nach dem Motto, dieser Kandidat ist proisraelisch, jener ist antiisraelisch, also wählt man den antiisraelischen Kandidaten, um sich für palästinensische Kinder einzusetzen. Mehrere linke Politiker der Demokraten in den USA stellen den Kampf gegen die »zionistische Lobby« in den Mittelpunkt, besonders im Vorwahlkampf ist das zu beobachten. Auch in Brasilien gibt es einige Kandidaten, die sich ausschließlich über diese Debatte profilieren und die Kufiya bereits als visuelles Merkmal ihrer Image-Kampagne nutzen, um ins brasilianische Parlament einzuziehen, und ich rede hier nicht von Politikern mit palästinensischer Herkunft.

Der Konsens in der brasilianischen Linken, aber auch weltweit ist doch inzwischen dieser: Um wirklich links zu sein, muss man vor dem antiisraelischen Altar niederknien. Nur wenn man gegen Israel ist, kann man als echter Linker gelten.

Wollen die brasilianischen Parlamentarier demnach besonders linksradikal rüberkommen?

Man kann mit dem Thema wunderbar polarisieren und es lässt sich gut vermarkten. Ein Hinweis dafür liefert zum Beispiel die Tatsache, dass seit dem 7. Oktober etwa 20 Bücher in portugiesischer Sprache veröffentlicht wurden, sowohl wissenschaftliche als auch literarische, die in der einen oder anderen Form eine antizionistische Per­spektive einnehmen.

Auch für Brasilien galt gemeinhin, dass inländische Themen den Wahlausgang bestimmen, nicht Auslandsthemen. Ist das nicht mehr der Fall?

Bei den Wahlen geht es um Brasilien und die Brasilianer, die Zukunft unserer Politik, die Verwendung unserer öffentlichen Mittel, um das soziale Wohlergehen unserer Bevölkerung, um den Kampf gegen Armut und soziale Ungleichheit. Wenn im Zentrum all dieser Diskussionen aber Israel auftaucht, dann sagen wir damit – indirekt oder direkt –, dass Israel für die Ungerechtigkeiten bei uns verantwortlich ist. Das klingt besorgniserregend nach dem sogenannten Erlösungsantisemitismus, wonach man, um globale Gerechtigkeit zu erlangen, zunächst die israelische Ungerechtigkeit beseitigen müsse. Oft genug bedeutet das in den Köpfen der Menschen die Auslöschung der Existenz Israels.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern?

Eine Behauptung, die Brasilien ungefähr ab 2013 Bedeutung erlangte, ist, dass es einen Zusammenhang zwischen den Tötungen schwarzer und armer Menschen in den brasilianischen Favelas und den Ungerechtigkeiten gebe, die Israel an der palästinensischen Bevölkerung begeht. Israels Waffen töten in Palästina und töten in den brasilianischen Favelas, lautet die Kurzfassung davon. Das lässt sich empirisch nicht belegen. Die meisten Waffen, die an die brasilianischen Streitkräfte und die Polizei geliefert werden, stammen aus den USA oder vom brasilianischen Waffenhersteller Taurus.

2025 starben in Brasilien 6 602 Menschen durch Polizeigewalt, mehr als in jedem Jahr seit 2016 – und das unter einer linken Regierung. Da kann es einem schon gelegen kommen, wenn Israel die Schuld dafür trägt, meinen Sie nicht?

Man entledigt sich so schnell der Verantwortung für den Rassismus in der eigenen Gesellschaft und muss dann auch nichts mehr tun, um Polizeigewalt und Gewalt gegen schwarze und arme Menschen in den Gemeinden zu bekämpfen.

So lenkt man den Blick auf den Nahen Osten, während der brasilianische Staat vom Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen verschiedener Verstöße verurteilt wurde. 

Müsste die derzeitige linke Regierung nach der Amtszeit von Jair Bolsonaro nicht ein Grund zur Freude für alle Linken sein?

Intern hat die Regierung Probleme und die Wirtschaft erholt sich nur recht schleppend. Die rechtsextremen Kräfte sind außerdem nach wie vor stark. Dass führende linke Politiker Israel zum Thema machen, hat sicher auch ideologische Gründe, aber es ist auch eine Strategie, um die Basis an sich zu binden, die angesichts der Unzulänglichkeiten der Regierung bei der Bearbeitung der klassischen linken Themen, wie Bildung und strukturelle Ungleichheit, Aufmunterung braucht. Und auch wenn die Regierung so wenig linke Politik zu bieten hat, kann sie mit der Thematisierung Israels signalisieren, dass sie zumindest in dieser Frage radikal ist und in die Konfrontation geht.

Also der Klassiker, Israel ist der Sündenbock?

Ja, so lenkt man den Blick auf den Nahen Osten, während der brasilianische Staat vom Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen verschiedener Verstöße verurteilt wurde. Aber niemand in der Linken diskutiert darüber und denkt darüber nach, welche strukturellen Veränderungen es in unserer Politik und in unserem Staat geben müsste. Aber alle blicken auf den Nahen Osten und feiern, dass Südafrika Israel vor dem Internationalen Gerichtshof verklagt.

Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf linkem Antisemitismus. Dennoch warnen Sie davor, Antisemitismus nur in der Linken und die Rechte als einen natürlichen Verbündeten der Juden zu sehen. Warum ist Ihnen dieser Vorbehalt wichtig?

Ich halte es für unerlässlich, das noch stärker zu thematisieren. Man kann hier ein globales Phänomen beobachten, nämlich dass sich rechtsextreme Kräfte in etlichen Ländern als Verbündete der Juden bei der Verteidigung Israels präsentieren. Wir sehen, dass Politiker behaupten, man müsse zur Verteidigung der Juden Einwanderung begrenzen und Ausländer ausweisen. Dahinter steht aber meist die Verschwörungstheorie vom »Großen Austausch«: Ihr zufolge soll die weiße und christliche Bevölkerung Europas gegen muslimische Bevölkerungsgruppen ausgetauscht werden. Hinter dem »Großen Austausch« stehen in dieser Vorstellung dann aber nicht selten die Juden. Ich denke nicht, dass eine extreme Rechte, die solchen Rassismus schürt und solche Verschwörungstheorien zur Welterklärung verbreitet, das Leben für Juden sicherer machen wird. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall.

Read the full story at the source →

Source: jungle.world