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Michaela schmeißt hin
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Reflexion über den Tod. Heike Geißler rückt die Sorge um die Sterblichkeit des Individuums ins Zentrum ihres Romans
Reflexion über den Tod. Heike Geißler rückt die Sorge um die Sterblichkeit des Individuums ins Zentrum ihres Romans
Heike Geißlers Prosa ist irritierend und gewöhnungsbedürftig, aber keineswegs in einem negativen Sinne. In den literarischen Texten der Leipziger Schriftstellerin ist das Gewöhnliche, der eher durchschnittliche Alltag ihrer aus Großstadtmilieus stammenden Protagonisten, immer schon verschmolzen mit Momenten des Un- oder Außergewöhnlichen. Ihre Figuren, überwiegend Frauen im mittleren Erwachsenenalter, sind von steigenden Mieten, ihren gesellschaftlichen Rollen sowie der neoliberalen Entgrenzung von Arbeit und Freizeit überfordert, wirken ausgelaugt und ohnmächtig. Aber die schleichende Erosion des Sozialen, Politischen und Alltäglichen, der sie ausgeliefert sind und gegen die sie aufzubegehren versuchen, tritt ihnen auch in eigentümlichen Erscheinungen entgegen, im Roman »Die Woche« von 2022 etwa als unsichtbares Kind, als personifizierter Tod und als Montag, der innerhalb einer Woche immer wiederkehrt.
Durch diese Einheit von Wirklichem und Unwirklichem gewinnen Geißlers Texte eine literarische Reflexivität, in die sich auch eine politische Dringlichkeit einschreibt, indem der sozialen Ordnung ihre Faktizität genommen und die Möglichkeit einer anderen eröffnet wird. Diese Spannung bestimmt auch ihren neuen Roman »Michaela Kohlhaas« von Beginn an. Die gleichnamige Protagonistin, alleinstehend und kinderlos, ist Anfang 40 und wohnt in Leipzig, wo sie als stellvertretende Friedhofsverwalterin arbeitet. Sie führt ein geregeltes, gleichförmiges Leben, ihr Alltag kennt weder größere Ausschläge noch Überraschungen. Aber über ihrem unprätentiösen, monotonen Leben schwebt von vornherein eine unheilvolle Erwartung, die eine namenlose Ich-Erzählerin noch vor Beginn der eigentlichen Erzählung andeutet: »Niemanden, der schon gestorben ist, möchte ich so gern, so dringend wiedersehen wie sie: Michaela Kohlhaas, die große Frau des Jahrhunderts, deren Lebenszeit nicht reichte, ihre volle Größe zu erreichen.«
Michaela Kohlhaas verkörpert gleichsam das Verdrängte der patriarchalen Kultur und damit die gewaltsame Vergangenheit ebenso wie die Möglichkeit ihrer Aufhebung.
Die vermeintliche Diskrepanz zwischen dem zunächst unscheinbaren Lebenslauf der Protagonistin und ihrer über den Tod hinausgehenden Bedeutung nivelliert der Roman konsequent, indem er Michaela Kohlhaas, die unablässig als »beispielhafte Frau« bezeichnet wird, in den letzten zwölf Monaten ihres Lebens begleitet. Schon während ihrer Anstellung auf dem Friedhof verspürt sie zuweilen unterschwellige Wut angesichts der von ihr als ungerecht empfundenen ungleichen Verteilung von Reichtum und Macht, was neben der Verwendung identischer Namen von Nebenfiguren und Orten sowie direkten Zitaten die augenscheinlichste Referenz auf Heinrich von Kleists Novelle »Michael Kohlhaas« darstellt. Nach einem persönlichen Erlebnis, das ihr die soziale Ungleichheit als Ausdruck der Eigentumslogik drastisch vor Augen führt, beschließt sie, mit dem Nötigsten an Kleidung für immer ihre Wohnung zu verlassen und fortan auf der Straße zu leben.
Zu Fuß, später mit einem Planwagen, den sie hinter sich herzieht, auf dem sie schläft und in dem sie Kleidung sowie größtenteils unnütze Gegenstände ansammelt, zieht sie durch ländliche Gegenden und kleinere Ortschaften in Ostdeutschland, bevor sie nach einiger Zeit nach Leipzig zurückkehrt. Durch die Vernachlässigung ihrer Körperpflege verwahrlost sie zusehends, andere Menschen diffamieren sie und begegnen ihr, bis auf wenige Ausnahmen, mit Zurückhaltung, Ablehnung, Feindseligkeit oder gar Gewalt. Die Gründe, aus ihren bisherigen Lebensverhältnissen vollständig auszubrechen, bleiben auch ihr selbst mitunter verborgen oder unklar, sie werden nicht zufällig allenfalls rudimentär formuliert. Noch in ihrer Wohnung verfolgt sie keinen Plan, folgt aber einem unerbittlichen Drang: »Es musste sich, wusste sie in diesem Zustand, aber sagte es nicht, denn dann hätte sie es nicht mehr denken, hätte es nur noch fürchten können – denn das war es, was manche Verlautbarungen machten: Angst –, es musste sich alles ändern.«
Im Laufe der Monate, in denen sie unterwegs ist, sinnt sie, wie ihr männliches Pendant in Kleists Novelle, hin und wieder auf Rache, aber anders als Michael scheint Michaela Kohlhaas zu ahnen, dass auch die Vergeltung erlittenen Unrechts in der bürgerlichen Ordnung lediglich bekräftigt, statt es zu überwinden. Indem sie sich von jener Ordnung abwendet, wird ihr auch jegliche Veränderung zuwider, die sich im bloß Individuellen erschöpft oder einem instrumentellen Handeln entspringt. Weil sie aber »die größten Ansinnen« in sich trägt, die sie selbst noch kaum begreift, sucht sie den Austausch mit der Öffentlichkeit, beseelt vom Wunsch, Ursache und Zweck ihres Unterfangens zu entwirren. Zurück in Leipzig, inzwischen weithin bekannt, verfasst sie aus ihrem Wagen heraus auf dem Marktplatz Beiträge, verweigert sich aber auch in ihnen der verständigen Rede und überzeugenden Rhetorik, wie ihr Pädagogik und Formen der Einflussnahme verdächtig sind: »Noch nie wollte sie mehr oder weniger subtil gedrängt werden oder drängen. Sie wollte nie die Werkzeuge der Mächtigen kennen und schon gar nicht die Werkzeuge der Mächtigen putzen. Sie lehnte die mächtigen Positionen ab und akzeptiere keine Welt, die darauf setzte.«
Michaela Kohlhaas verkörpert gleichsam das Verdrängte der patriarchalen Kultur und damit die gewaltsame Vergangenheit ebenso wie die Möglichkeit ihrer Aufhebung.
Abweisend und unnahbar ist sie jedoch nicht grundsätzlich, sondern offen für diejenigen, die sich ihrer Lebensweise, wie sie es nennt, anschließen möchten. Zum Beispiel die namenlose, gleichaltrige Ich-Erzählerin, die Michaela Kohlhaas während eines Spaziergangs auf dem Friedhof kennenlernt und die seitdem lose mit ihr in Kontakt steht. Sie ist kurz davor, sich aus der kleinfamiliären Enge zu befreien, ihren Mann und ihre Söhne zumindest vorübergehend zu verlassen, entscheidet sich aber im letzten Moment dagegen. Gleichwohl schreibt sie sich immer stärker in den Text ein und verschafft ihrer Subjektivität Raum, indem sie an der Geschichte Michaela Kohlhaas’ teilhat, zugleich aber eine reflexive Distanz zum Erzählten und zur Protagonistin hält.
Ihr Schreiben, das sich bereits zu Beginn des Romans vom restlichen Text abhebt, etabliert eine eigenständige Erzählebene, wodurch zwei narrative Stimmen miteinander in Beziehung treten. Sie ist es auch, die der Geschichte von Michaela Kohlhaas bereits eine Deutung zugrunde legt: »Die Frau brauchte keine Vorgeschichte, aber hatte eine. Und es war ja so: Ihre Geschichte begann mit viel älteren Geschichten, die ihr erzählt worden waren, von denen sie gehört hatte, Geschichten, die anders hätten verlaufen können oder müssen. Auch sie waren in ihrem Herzen aufbewahrt, gaben den Anschein, lose Fäden zu sein, aber waren doch eher tiefere und tiefere Wurzeln.« In dieser Perspektivierung verdichtet sich in Michaela Kohlhaas’ Biographie die Geschichte der Frau als eine von patriarchaler Gewalt und uneingelösten Versprechen. Auch die Gewalt, die ihr im Verlauf des Romans widerfährt, richtet sich weniger gegen ihre randständige gesellschaftliche Existenz als vielmehr gegen sie als Frau, deren nonkonformes Auftreten die Gesellschaft nicht anders denn als Anmaßung empfinden kann. Überdies gehören Scham, Verletzung und Wehrlosigkeit zu ihren früheren Erfahrungen und den Erinnerungen, die sie in sich trägt.
In der literarischen Verarbeitung dieser Spannungsverhältnisse in Heike Geißlers Roman manifestieren sich die von Hélène Cixous formulierten ästhetischen Merkmale einer écriture féminine in besonderer, jedoch nie aufdringlicher Deutlichkeit: die narrative Mehrstimmigkeit, die Betonung von Körperlichkeit, die Triebökonomie der Verausgabung, die Subversivität von Phantasie und Sprache sowie ein noch unartikuliertes Sprechen, das auch die Protagonistin nicht auf eine eindeutige Identität festlegt, sondern ihr Bestreben stets offen und unbestimmt lässt: »Was wäre der Sinn geordneter Worte gewesen?«
Michaela Kohlhaas verkörpert gleichsam das Verdrängte der patriarchalen Kultur und damit die gewaltsame Vergangenheit ebenso wie die Möglichkeit ihrer Aufhebung. Fluchtpunkte dieser Aufhebung sind die Abschaffung der Angst und die Einsicht in die eigene Vergänglichkeit – gerade darin liegt das zutiefst Ambivalente der Figur. Weil Michaela Kohlhaas als Projektionsobjekt Ängste auslöst, die sich die Menschen nicht eingestehen, kann die daraus resultierende Ohnmachtserfahrung nur durch Gewalt gegen sie verdrängt werden, und dieser Gewalt wohnt die Tötung potentiell immer schon inne. In dieser Dynamik zeichnet der Roman zugleich die Logik der Faschisierung der Gesellschaft nach. Dieser Logik setzt die Protagonistin die Überzeugung entgegen, dass emanzipative Veränderung das Bewusstsein und die Sorge um die Sterblichkeit des Individuums voraussetzt. Indem der Tod den Roman von Grund auf durchdringt, verweist er auf das Paradox, dass noch die Abschaffung von Macht und Herrschaft, die Michaela Kohlhaas’ Handeln motiviert, nicht auf das Eingedenken jener tödlichen Gewalt verzichten darf, die ihnen notwendig eingeschrieben ist.
Heike Geißler: Michaela Kohlhaas. Suhrkamp, Berlin 2026, 253 Seiten, 24 Euro
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Source: jungle.world