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KI-Träume im Kaukasus
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Hier soll die Zukunft entstehen: Der Start-up-Campus AI9 in Eriwan
Hier soll die Zukunft entstehen: Der Start-up-Campus AI9 in Eriwan
Das Vorzeigeprojekt ist ein Rechenzentrum, keine Chipfabrik. Der KI-Cloud-Anbieter Firebird mit Sitz in San Francisco und Eriwan baut es mit Unterstützung der armenischen Regierung und des Prozessorenherstellers Nvidia im zentralarmenischen Hrasdan. Im August nahm es den Betrieb mit rund 6.000 Chips auf. Bis Ende 2027 soll die KI-Anlage auf mehr als 70.000 Chips und 300 Megawatt wachsen. Den Großteil der Kapazität will Firebird an Kunden weltweit wie die KI-Suchmaschine Perplexity vermieten und seine armenische Zweigstelle so als Exportplattform für KI etablieren.
Dass die USA die Ausfuhr der Chips genehmigt haben, hatte offenbar auch außenpolitische Gründe. Das Wall Street Journal berichtete Anfang September, US-Unterhändler hätten die Aussicht auf Nvidia-Chips genutzt, um das im August 2025 in Washington, D.C., geschlossene vorläufige Abkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan voranzubringen. Nach dessen Abschluss sei der Export von Zehntausenden weiterer Chips genehmigt worden. Die armenische Regierung spricht von einer »Friedensdividende«.
Armenien galt als »Silicon Valley der UdSSR«, lange bevor es das Internet gab. Doch nach 1991 brachen die Wirtschaft und die industrielle Forschung ein.
Bereits in der Sowjetunion war Armenien zwar die kleinste Teilrepublik, aber eine der ersten Adressen für Elektronik. Forscher am Eriwaner Institut für Computerforschung und -entwicklung entwickelten Großrechner und elektronische Bauteile für den Sowjetblock. Das Land galt als »Silicon Valley der UdSSR«, lange bevor es das Internet gab. Doch nach 1991 brachen die Wirtschaft und die industrielle Forschung ein. Jahrzehntelang lebte Armenien hauptsächlich von Rohstoffabbau, Landwirtschaft und Dienstleistungen.
Die geschlossenen Grenzen zur Türkei und zu Aserbaidschan erschweren den Handel, auch wenn mit beiden Ländern inzwischen über neue Transportwege verhandelt wird. Zugleich balanciert Armenien zwischen russischen, iranischen, europäischen und US-amerikanischen Interessen. Nun versucht das Land, an die wissenschaftlich-technische Tradition anzuknüpfen und sich zu einem führenden Standort für Künstliche Intelligenz zu entwickeln. Digitale Dienste lassen sich auch ohne offene Grenzen exportieren.
Die Regierung hat 2019 ein eigenes Ministerium für Hochtechnologieindustrie geschaffen, das IT-Start-ups durch Steueranreize und gezielte Forschungssubventionen fördert. Im April dieses Jahres stellte sie Pläne vor, die Forschung im Halbleiterbereich auszuweiten und mehr Ingenieure auszubilden. Auch die Schulen sind längst eingebunden. Schon seit 2014 richtet das Bildungsprojekt Armath im ganzen Land Schullabore für Robotik, Programmieren und 3D-Modellierung ein. Seit Beginn des Schuljahrs erhalten die öffentlichen Schulen Zugang zur spezialisierten KI-Plattform Chat GPT Edu.
Die Ergebnisse dieser Strategie sind inzwischen messbar. Die IT-Branche trug 2024 rund sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und wächst jährlich um mehr als 20 Prozent. Das Ministerium zählte 2025 rund 12.000, auch kleinere IT-Unternehmen und 41.000 Beschäftigte. Armenien hat mit der Bildbearbeitungssoftware Picsart auch ein international erfolgreiches, im Land gegründetes KI-Unternehmen mit Millionen Nutzern weltweit. »Armenien ist derzeit das führende Land in der KI-Entwicklung unter den ehemaligen Sowjetstaaten«, sagt Arik Akhverdyan im Gespräch mit der Jungle World. Er ist der Geschäftsführer und Mitgründer des Start-up-Campus AI9 in Eriwan, in dem Gründer, Investoren und Ingenieure an neuen KI-Unternehmen arbeiten.
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine brachte 2022 einen Schub im IT-Bereich. Mindestens 500 russische IT-Firmen verlegten ihren Sitz nach Armenien oder eröffneten dort Niederlassungen.
Einen Schub brachte 2022 Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine. Nach Angaben der US-Handelsbehörde ITA verlegten mindestens 500 russische IT-Firmen ihren Sitz nach Armenien oder eröffneten dort Niederlassungen. Tausende Fachkräfte mit Erfahrung in Datenverarbeitung, Cybersicherheit und Finanztechnologie folgten.Die große Diaspora und ihre Finanzmittel sind ebenfalls ein wichtiger Faktor. Mehr als sieben Millionen Menschen armenischer Herkunft leben Schätzungen zufolge im Ausland, besonders viele in Kalifornien, dem Sitz der US-Technologiebranche. Im dortigen Glendale entstand der Softwareanbieter Servicetitan, der Ende 2024 als erstes von armenischen Emigranten gegründetes IT-Unternehmen an die Börse ging. Schon seit 2011 bietet das Tumo Center for Creative Technologies in Eriwan Jugendlichen kostenlose Kurse in Technologie und Design, eingerichtet und finanziert von der US-Diaspora.
Einen wichtigen Schritt machte Armenien im Juni. Die armenische Niederlassung des US-Konzerns Microchip Technology erhielt eine Exportlizenz des US-Handelsministeriums für die Entwicklung von Halbleitertechnik. Die selten vergebene Lizenz steht im Zusammenhang mit einem im August 2025 unterzeichneten US-armenischen Abkommen über KI und Halbleiter. Der Zugang zu moderner Chiptechnologie ist auch eine politische Frage, denn Lizenzen sind widerrufbar.
Auch eine eigene Produktion soll entstehen: Geplant ist eine Fabrik des Singapurer Unternehmens Levi Semiconductors für Mehrkomponenten-Halbleiter und Silizium-Photonik-Chips. Das Vorhaben zielt allerdings kaum auf eine Konkurrenz mit den asiatischen großen Chipfabriken und ihren enormen Investitionen. Auch die Chips für das neue Nvidia-Rechenzentrum in Hrasdan werden nicht in Armenien, sondern vom taiwanesischen Konzern TSMC hergestellt. Das Projekt ist vor allem ein Versuch, Rechenkapazität im Land aufzubauen. Es knüpft an das 2024 eröffnete Supercomputerzentrum der Nationalen Akademie der Wissenschaften an.
Rund 37 Prozent des armenischen Stroms stammten aus Erdgasimporten aus Russland und zum Teil dem Iran, 30 Prozent liefert das Atomkraftwerk Mezamor.
Der IT-Boom löst bislang die strukturellen Probleme nicht. Die Weltbank nennt schwachen Wettbewerb und einen Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften als Hindernisse für Investitionen und Wachstum. Die Regierung räumte ein, dass der Strombedarf durch den KI-Ausbau erheblich steigen dürfte. Rund 37 Prozent des armenischen Stroms stammten aus Erdgasimporten aus Russland und zum Teil dem Iran, 30 Prozent liefert das Atomkraftwerk Mezamor. Es stammt aus der Sowjetzeit, ist das einzige im Kaukasus und der russische Staatskonzern Rosatom liefert den Brennstoff und wartet die Anlage. Armenien plant einen neuen modularen Reaktor und prüft Angebote aus den USA, China, Frankreich und Südkorea. Rosatom bot eine weitere Zusammenarbeit an, allerdings will Armenien unabhängiger von Russland werden und unterzeichnete im Februar mit den USA ein ziviles Nuklearabkommen. Akhverdyan zufolge verbessert ein »Russland freundlich gegenüberstehendes Umfeld die Marktbedingungen für Armenien«.
Ob Armenien einen Platz in der globalen Chip-Lieferkette findet und sich aus seinen bisherigen Abhängigkeiten löst, ohne neue einzugehen, ist offen. Das gilt auch für die Frage, ob der Software-Boom Bestand hat, wenn die russischen Fachkräfte, die ihn angeschoben haben, weiterziehen sollten.
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Source: jungle.world