Kommando 161 Faultline Kommando 161

Germany · jungle.world · 3h

»Ikarus wird zu einer subversiven Figur«

Deutsch (original) · Read in English ⇄

In ein paar Tagen werdet ihr mit eurem neuen Album in Europa auf Tour gehen. Was sind eure Erwartungen, ausgehend von euren bisherigen Erfahrungen hierzulande?

Patrick Gloeckle (PG): Wenn ich an unsere bisherigen Erfahrungen denke, dann war das wie ein wahr gewordener Heavy-Metal-Traum. Wir hatten großartige Shows, wir haben beim »Keep It True«-Festival gespielt, sind mit Visigoth und Sanhedrin auf Tour gewesen – großartige Bands und tolle Leute. Ich glaube, alle Shows, die wir gespielt haben, waren ausverkauft. Die Erwartung diesmal ist also, noch einmal diesen Heavy-Metal-Traum zu erleben und die Musik unter die Leute zu bringen. Seit unserem letzten Aufenthalt in Deutschland beziehungsweise Europa ist unser neues Album erschienen. Wir freuen und besonders darauf, diese neue Musik zu präsentierten.

»Mir hat die althergebrachte Botschaft des Ikarus-Mythos nie gepasst: Flieg nicht zu tief, flieg nicht zu hoch, tu, was dein Vater dir sagt, dann wird schon alles gut. Diese Lehre hat mir nie gefallen. Deshalb wollte ich sie verändern.« Matt Papai 

Für mich seid ihr derzeit eines der besten Beispiele dafür, wie die Heavy-Metal-Szene eine Band auch ohne große Promotion tragen kann – allein durch begeisterte Fans und natürlich eure Musik. Würdet ihr diese Einschätzung teilen?

PG: Ja, ich denke schon. Wir haben keinen Masterplan, wie wir die Heavy-Metal-Welt erobern können. Wir schreiben einfach Songs, in die wir viel Herzblut einfließen lassen – und die Leute hören das. Wir machen das jetzt seit etwa fünf Jahren, seit unserer ersten EP »Colossus«. Und es wächst langsam, aber stetig, und das fühlt sich gut an. Wir haben im Grunde alles selbst gemacht: Diese gesamte Tour haben wir organisiert, alle Shows selbst gebucht, ohne Konzertagent oder so. Das ist viel Arbeit, aber man ist auch stolz darauf und sorgt dafür, dass man die volle Kon­trolle hat.

Euer neues Album ist ein Konzeptalbum. Was für eine Geschichte wird darin erzählt?

Matt Papai (MP): Eigentlich haben wir bislang noch kein Album gemacht, das kein Konzeptalbum war. Beim Schreiben von »Fires on the Mountainside« wie auch den anderen Platten hat mich mein Hintergrund in den Altertumswissenschaften sehr beeinflusst, also Archäologie sowie römische und griechische Geschichte. Eine große Inspiration war auch Nikos Kazantzakis’ Buch über den Untergang von Knossos (»Im Palast von Knossos«; Anm. d. Red.). Ikarus ist darin eigentlich nur eine Nebenfigur, die vielleicht auf zwei oder drei Seiten auftaucht. Kazantzakis erzählt in seinem Buch dessen Geschichte – oder vielmehr den Mythos – auf seine eigene Weise. Und irgendwann dachte ich mir, das ist eine wirklich gute Idee. Mir hat die althergebrachte Botschaft des Ikarus-Mythos nie gepasst: Flieg nicht zu tief, flieg nicht zu hoch, tu, was dein Vater dir sagt, dann wird schon alles gut. Diese Lehre hat mir nie gefallen. Deshalb wollte ich sie verändern.

Warum hast du dich dafür entschieden, über Vergangenes zu singen und dabei die Gegenwart im Auge zu haben?

MP: Ich bin mit Power Metal aufgewachsen. Ich liebe Songs über »Herr der Ringe«, über Drachen oder …

»Unser Stil ist eine Möglichkeit, sich gegenüber dem Mainstream und der Kulturindustrie subversiv zu verhalten.« Matt Papai

MP: Ja, alle Arten, wie man Ketten sprengt! (Beide lachen) Oder nimm Virgin Steele, eine meiner Lieblingsbands, die einfach völlig in der Antike verhaftet sind und nur darüber singen. Für mich hätte das, was ich mache, nicht viel Bedeutung, wenn ich nur über so was schreiben würde. Ich muss über Dinge singen, denen wir jeden Tag begegnen, aber ich betrachte sie durch die Linse der Antike, durch die einer Zeit, die 2000 Jahre und mehr zurückliegt – seit der sich aber eigentlich gar nicht so viel verändert zu haben scheint. Ich wollte der Tatsache nachgehen, dass es zu allen Zeiten Ungleichheit gegeben hat; Hierarchien unter den Menschen. Und Ikarus war für mich ein großartiger Mythos, um zu zeigen: Du kannst tatsächlich so hoch fliegen, wie du willst – aber behalte im Auge, was um dich herum geschieht, und sieh zu, dass du anderen hilfst.

Bei Fer de Lance geht die Bezeichnung »Epic Metal« über den musikalischen Stil hinaus; der Bezug zur epischen Dichtung ist offensichtlich. In der »Dialektik der Aufklärung« vertreten die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die These, dass das klassische Epos bereits eine Kritik der Mythologie darstellt. Matt, findest du als hauptsächlicher Texter von Fer de Lance dich in solchen Überlegungen ­wieder?

MP: Ich bin ein großer Fan von Horkheimer und Adorno. Insofern: ja. Ich glaube, unser Stil ist eine Möglichkeit, sich gegenüber dem Mainstream und der Kulturindustrie subversiv zu verhalten. Und ich liebe es, Mythologie – verstanden als eine Art Machtkon­strukt – auf den Kopf zu stellen. Ikarus wird also zu einer subversiven Figur, folgt nicht seinem mythologischen Werdegang. Er folgt dem Weg, den diese Geschichte meiner Meinung nach hätte nehmen sollen. Dasselbe lässt sich über unser vorheriges Album »The Hyperborean« sagen, in dem ich die gesamte Vorstellung von Hyperborea (einem antiken griechischen Mythos folgend ein im Norden liegendes paradiesisches Land; Anm. d. Red.) gegen den Strich bürste. Nur bei »Colossus« war ich überhaupt nicht subversiv. Da habe ich einfach nur einen Haufen Songs geschrieben.

»Der Koloss von Rhodos steht ja für Stärke und dafür, Schiffe sicher in den Hafen zu geleiten. Demgegenüber steht die Vorstellung eines buchstäblichen Kolosses und zugleich eines Menschen, der einfach versucht, den Alltag zu überstehen.« Matt Papai

Ist das Titelstück »Colossus« nicht ein sehr persönlicher Song – gerade im Kontrast zum klassischen Bild des Koloss von Rhodos? Es geht in dem Lied um den Wunsch, von individuellem Leid, aber auch darum, von dem, was in der Welt geschieht, nicht allzu sehr berührt zu werden. Gleichzeitig weiß man natürlich, dass das niemals funktionieren wird. Schon die Art, wie diese Zeilen formuliert sind, drückt sehr viel Schmerz aus – gerade durch den Wunsch, ihn zum Verschwinden zu bringen. Euer »Colossus« ist also sehr fragil.

MP: Vermutlich hast du Colossus genauer gelesen oder ihm mehr Aufmerksamkeit geschenkt als so ziemlich jeder andere. Was du beschrieben hast, ist tatsächlich die eigentliche Bedeutung des Songs. Aber bisher hat noch niemand wirklich eins und eins zusammengezählt und das herausgearbeitet. Trotzdem glaube ich nicht, dass ich damit irgendetwas Subversives verknüpfe. Na ja, vielleicht doch, wenn ich dar­über nachdenke. Der Koloss von Rhodos steht ja für Stärke und dafür, Schiffe sicher in den Hafen zu geleiten. Demgegenüber steht die Vorstellung eines buchstäblichen Kolosses und zugleich eines Menschen, der einfach versucht, den Alltag zu überstehen. Vielleicht ist das tatsächlich etwas Subversives.

Bis heute ist es mein Lieblingssong von Fer de Lance.

PG: Meiner auch. Als Matt mir die Demo-Version von »Colossus« geschickt hat, war das genau der Song, bei dem ich gesagt habe: Okay, wir müssen eine neue Band gründen. Ich war völlig fasziniert von diesem Stück und fand es unglaublich beeindruckend, dass ein Heavy-Metal-Song, der auf einem einzigen Schlagzeugbeat basiert, funktionieren kann. Das war für mich auch ein ziemlich großer Lernmoment.

Unter euren musikalischen Einflüssen finden sich auch Bezüge zum Rembetiko, einem griechischen Musikstil. Er wurde insbesondere von Griechen geprägt, die im Zuge des Bevölkerungsaustauschs von 1923 aus der Türkei vertrieben worden waren. Was hat euch dazu gebracht, gerade darauf zurückzugreifen?

MP: Das ist Musik, die ich schon wegen meiner elterlichen Prägung regelmäßig höre. Und ganz allgemein: Es ist doch ein schönes Leben, ab und zu Rembetiko zu hören und einen Ouzo dazu zu trinken. Die Geschichte des Rembetiko als Musik der Migration ist mir bekannt, aber beim Schreiben des Songs habe ich darüber nicht viel nachgedacht. Ich wollte einfach etwas im Heavy-Metal-Stil schreiben, das an Musik anknüpft, die ich in meinem Alltag höre. Also schrieb ich etwas im Taktmaß des Rembetiko. Und dann fügte unser Drummer Scud einen eher lateinamerikanischen Beat dazu. In einer Welt, die immer weiter auseinanderdriftet und in der Grenzen und Mauern errichtet werden, schien das einfach perfekt für dieses Album: ein griechischer Musikstil, der aus der Türkei kommt beziehungsweise von griechischsprachigen Menschen in der Türkei, vermischt mit einem lateinamerikanischen Rhythmus.

Auch in euren Texten geht es ja viel um Mauern und Grenzen, die die Armen draußen halten, den Wohlstand der Reichen schützen, die außerhalb dieser Grenzen nur Feinde sehen.

MP: Ja, und die Mauer muss nicht einmal eine physische sein. Sie kann auch eine Mauer im Kopf sein oder darin bestehen, Menschen die Einreise in ein Land zu verweigern. Beispiele dafür gibt es überall auf der Welt. In den Vereinigten Staaten ist das gegenwärtig vermutlich sogar das wichtigste Thema überhaupt. Wir haben den Song »Death Thrives (Where Walls Divide)« zwar in Reaktion auf bestimmte Ereignisse geschrieben. Aber es ist die gegenwärtige Politik in den USA allgemein, die unser Bedürfnis befeuert, Texte in ein Mikrophon zu schreien. Mir ist sehr bewusst, dass wir uns gesellschaftlich immer weiter voneinander entfernen, dass wir nach zwei Weltkriegen wieder nationalistischer werden, anstatt mit dieser Vorstellung Schluss zu machen. Es sind solche Momente, in denen ich denke: Ich muss jetzt etwas schreiben.

Eine Zeile in dem Song lautet: »Denying the starving guest always leads to war«. Ist das ein Appell für elementare Menschlichkeit angesichts des regelrechten Kriegs gegen Flüchtlinge, den wir gerade in Europa und den USA erleben?

MP: Genau das war die Idee. Ich war einfach völlig erschöpft, müde und wütend über die Dinge, die ich in Europa, in meinem eigenen Land, im Nahen Osten sehe – über das, was ich überall sehe. Und hier komme ich auf das Bild vom »starving guest« zurück. Es gibt auf dieser Welt kein größeres Verbrechen, keine größere Sünde, als einem hungernden Menschen nichts zu essen zu geben. Und wenn diese Menschen deine Gäste sind, dann macht es das doppelt schlimm.

Read the full story at the source →

Source: jungle.world