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»Hinhören, ob etwas zurückkommt«
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Das undatierte Foto aus den achtziger Jahren (Quelle: Scress Society for the Study of Russian and Soviet Studies, London) meldet die Installation eines neuen Radioteleskops am Bjurakan-Observatorium
Das undatierte Foto aus den achtziger Jahren (Quelle: Scress Society for the Study of Russian and Soviet Studies, London) meldet die Installation eines neuen Radioteleskops am Bjurakan-Observatorium
Auf dem Berg Aragaz liegt ein verlassenes Weltraumzentrum aus Sowjetzeiten, aber auch ein international renommiertes Forschungsinstitut. Treffen sich dort Vergangenheit und Zukunft?
Beide Orte liegen nur drei, vier Kilometer auseinander und werden alltagssprachlich zusammengefasst als Aragaz-Weltraumzentrum. Das Wissenschaftszentrum Bjurakan ist ein noch aktives Observatorium. Die Radioteleskopanlage Orgow war einst führend in der Welt und verfiel nach Ende der Sowjetunion langsam. Beide Orte erzählen zusammenhängende, aber distinkte Geschichten.
»Dass sich Amerikaner und Sowjets mitten im Kalten Krieg dort getroffen haben, um darüber zu debattieren, ob da draußen andere Intelligenzformen existieren, ist faszinierend. Da wurde astronomische Weltgeschichte geschrieben.«
An Orgow sieht man gut, welche Ambitionen dieses sowjetische Großreich hatte, aber auch, wie es in den Ruin ging. Heute sind die Gebäude verfallen, grasende Kühe und Schafe gehen im Verwaltungsgebäude ein und aus, es sind noch Objekte und Wandmalereien zu sehen, die den Fortschritts- und Wissenschaftsgeist der Siebziger atmen. Bjurakan dagegen funktioniert noch. In den Observatorien wird Wissenschaft betrieben, mit Forschern und Doktoranden aus der ganzen Welt.
Im Bjurakan-Observatorium fand 1971 die erste CETI-Konferenz (communication with extraterrestrial intelligence) statt. Es ging um die Suche nach außerirdischen Zivilisationen und die Frage, wie man mit ihnen Kontakt aufnehmen könnte.
Dass sich Amerikaner und Sowjets mitten im Kalten Krieg dort getroffen haben, um darüber zu debattieren, ob da draußen andere Intelligenzformen existieren, ist faszinierend. Da wurde astronomische Weltgeschichte geschrieben. Es ist auch eine interessante Spur, um zurückzuverfolgen, wie man mit Spannungen umgehen und sich zusammenraufen kann. Und es geht auf eine Weise auch ums universelle Ganze, darum, wie man über den Menschen spricht.
Welche Rolle spielt die Geschichte Armeniens in Ihrem Projekt?
Es geht um Trennendes und Gemeinsames, um die Beziehungen zwischen armenischer und sowjetischer Gesellschaft. Dabei wird auch die Frage von Zentrum und Peripherie angesprochen. Vom Zentrum Moskau aus gesehen lag Armenien am Rand. Zusammen mit unseren Partnern, insbesondere dem Armenian Center for Contemporary Experimental Art, konzipieren wir das Festival aus einer armenischen Perspektive und gehen der Geschichte des Landes nach. Nicht zuletzt macht der russische Krieg in der Ukraine deutlich, dass wir über »den« Osten noch einmal ganz anders reden müssen.
»Die Wahrnehmung des Planeten als verletzliches, begrenztes System macht weltweite Abhängigkeiten sichtbar.«
Wie sind die Künstler vorgegangen und was ist zu erleben?
Im Juni fand eine Residenz mit Kunstschaffenden aus mehreren europäischen Ländern statt, die sich im Bereich Sound Art und Multimedia bewegen. Wir bespielen einen Kunstraum und mehrere Gänge mit Live-Performances, zudem auch mit Puppen- und Schattenspiel und Graphic Recording als visuelle Komponenten. Im November ist Eröffnung. Unter anderem wird die Masterkopie der Himmelsscheibe von Nebra in einer eigenen Klanginstallation präsentiert.
Dort wird die Ausstellung schließlich auch zu sehen sein?
Im Frühjahr 2027 macht eine Teilausgabe der Schau Station in Berlin, im Sommer geht es dann nach Nebra und ins nahegelegene Museum für Vorgeschichte in Halle, wo mit der Himmelsscheibe eine Sensation der Astronomiegeschichte liegt.
Der Name »Stellar Frequencies« deutet es an: Der Sound wird eine wichtige Rolle spielen. Warum sind Klänge das entscheidende Medium des Projekts?
Sphärenmusik und Harmonie sind in der Philosophie schon lange Themen. Aber dass Klänge das Universum zusammenhalten, begreifen wir nicht mehr metaphysisch, sondern materiell. Mit Klang gelingt eine unvermittelte Kommunikation, weil wir mit diesem direkt verbunden sind. Wir schicken Signale, hören hin, ob etwas zurückkommt. Das Radioteleskop ist so etwas wie ein riesiges Musikinstrument und zugleich ein Lautsprecher. Daraus hat sich die Projektidee entwickelt, Musik als Medium der Reflexion einzusetzen.
Es geht also darum, Wissen zu vermitteln?
Große Fragen werden verständlich aufbereitet: Wie kann man mit jungen Menschen über Technik, Astronomie, wirtschaftliche und politische Interessen sprechen? Wenn selbst der Himmel verwaltet wird, von Regierungs- und Militärzentralen, aber auch von der Wirtschaft, was bedeutet das? Im Anthropozän, in dem der Mensch entscheidend auf die Erde Einfluss hat, stellen sich Fragen nach einer Exit-Strategie. Wenn bald mehr Satelliten als echte Sterne am Himmel zu sehen sind, wenn Jeff Bezos und Elon Musk erwägen, wie man den Mars am besten besiedeln kann, fragen wir, wie man anders auf den Weltraum Bezug nehmen kann. Das ist hochaktuell, denn die Auseinandersetzung mit dem All schärft unser Verständnis der Erde. Die Wahrnehmung des Planeten als verletzliches, begrenztes System macht weltweite Abhängigkeiten sichtbar. Damit erscheinen auch der Mensch und die Frage nach seiner Verantwortung in einem anderen Licht. Im Grunde heißt es dann: Kann man zu etwas wie einem »cosmic sense« und »common sense« des universell Menschlichen zurückkehren?
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Source: jungle.world