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Geheimtreffen in Potsdam

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Gründer der Zeitschrift Telos und Nabensgeber des Telos-Paul-Piccone-Instituts: Paul Piccone

Gründer der Zeitschrift Telos und Nabensgeber des Telos-Paul-Piccone-Instituts: Paul Piccone

Seit dem 7. Oktober 2023, als auf das Massaker der Hamas prompt die antizionistische Mobilmachung an den Universitäten folgte, erscheinen auf dem Substack des US-amerikanischen Telos-Paul-Piccone-Institut (TPPI) und in der Zeitschrift Bahamas gelegentlich wechselseitige Übersetzungen. ­Einen kleinen Ableger des Instituts gibt es mittlerweile in Berlin. Um diesen neueren transatlantischen Gedankenaustausch zu vertiefen, hat die Berliner Zweigstelle, maßgeblich Julius Bielek, gemeinsam mit der Deutsch-Israelischen ­Gesellschaft Berlin und Branden­burg in Potsdam vom 30. bis 31. Juli eine Konferenz organisiert. Unter dem Titel »The Specter of Sovereignty: Populism, Antisemitism, and the New Class« ­kamen verschiedene Personen aus den USA und Deutschland im ­Audimax der Universität Potsdam zu Vorträgen und Diskussionen zusammen.

Angesichts des seit langem und ­vielfach beschriebenen Endes der Antideutschen und ihrer seit einer ­Wei­le zu beobachtenden Selbsthisto­risierung mag das plötzliche Interesse aus den Vereinigten Staaten verwundern. ­Umgekehrt beschränkte sich die (anti)-deutsche Beschäftigung mit der Zeitschrift Telos bis dahin auf einige Ausführungen in Robert Zwargs Buch über die »Kritische Theorie in Amerika« aus dem Jahr 2017.

Paul Piccones ältere Texte brachten eine Fülle von Entwicklungen – die Krise des Liberalismus und der Demokratie, Populismus, den Verfall der Linken – theoretisch auf den Begriff, bevor sie ubiquitär wurden.

Die heutzutage vierteljährlich erscheinende Zeitschrift Telos – Critical Theory of the Contemporary wurde 1968 an der staatlichen Universität in Buffalo, New York, gegründet. Ver­antwortlich war der aus den Abruzzen stammende, damals dort promovierende Paul Piccone, der ein Organ für die theoretische Selbstverständigung der Neuen Linken schaffen wollte. Der streitbare Herausgeber mit Hang zur Polemik war stark beeinflusst von der Phänomenologie ­Edmund Husserls sowie dem italienischen Marxismus und blieb bis zu ­seinem Tod 2004 die prägende theo­retische Kraft hinter der Zeitschrift.

Telos versammelte seit jeher eine ­äußerst plurale Mischung oft heterodoxer theoretischer und politischer Ansichten. Neben den US-amerika­nischen Stammautoren wie Russell ­Jacoby, Russell Berman und Gary ­Ulmen hegte man großes Interesse an der ­europäischen Theorietradition. Schon 1974 wurde dort beispielsweise Texte von Hans-Jürgen Krahl übersetzt, bald ­erschienen auch solche von ­Moishe Postone, Helmut Dahmer, ­Jürgen ­Habermas sowie ­Cornelius Cas­toriadis, Agnes Heller und anderen ­Autoren der sogenannten Budapester Schule des Marxismus.

Im Laufe der achtziger Jahre kamen auch Theoretiker der Neuen Rechten hinzu. Man begann die Auseinandersetzung mit Carl Schmitt, übersetzte diesen und trug erheblich zu dessen US-amerikanischer Rezeption bei. In den Neunzigern schrieb auch der ­Nouvelle-Droite-Vordenker Alain de Benoist immer wieder Beiträge. Ver­tre­ter der paläokonservativen US-amerikanischen Rechten wie Paul Gottfried und Samuel Francis hatten gelegentlich ebenso Auftritte wie der jüngst hierzulande wieder vermehrt gelesene griechisch-deutsche Theoretiker Pana­jotis Kondylis. Zuletzt waren es immer wieder wichtige Vertreter aus dem ­Lager des Postliberalismus wie Adrian Pabst oder John Milbank, welche die Debatte im Heft prägten.

Die hierzulande überraschend wenig thematisierte Wahlverwandtschaft ­zwischen Telos und im weitesten Sinne antideutschen Publikationen wie ­Bahamas und Sans Phrase beleuchtete in Potsdam zu Beginn der Konferenz Benjamin Marshall. Er arbeitete einige Gemeinsamkeiten heraus: Neben ­ha­bituellen und stilistischen Ähnlich­keiten teilt man den Bezug zur Kritischen ­Theorie, die Kritik des Antisemitismus und Antizionismus sowie die ­erklärte Opposition zur bestehenden Linken und der »verwalteten Welt«. Wo man hierzulande jedoch Otto Normalverbraucher und die Arbeiterklasse ­wegen ihrer Komplizenschaft und ihrem Versagen angesichts des Nationalsozialismus als diskreditiert ansah und stattdessen den urban-hedonistischen Individualismus linker Studenten pflegte, habe man bei Telos im Partikularismus lokaler Gemeinschaften, traditioneller Kultur und dem US-amerikanischen Populismus eine »­organische Negativität« gegen die sich totalisierende »verwaltete Welt« erblickt.

Anschließend blickte der Leiter der Israel-Initiative des TPPI, Gabriel Noah Brahm, mit Bezug auf Carl Schmitt und Jacob Taubes auf die israelische Souveränität und das »deep shtetl«, eine Art israelischer »deep state« aus Medien, Justiz und NGOs, welche der von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ­angestrengten Justizreform kritisch ­gegenüberstehen.

Passend zur preußischen Kulisse fuhr danach Michael Kochin mit einem Vortrag zur Krise der Universität in den USA und ihrer vergessenen ­Verantwortung für die US-amerikanischen Ideen und die Nation fort. Die Privilegien der akademischen Institutionen müssten demnach wieder an die Bedingung geknüpft werden, die Forschung in den Dienst der Nation zu stellen. Der gravierende Antiameri­kanismus und Antizionismus an den Hochschulen sei auch darauf zurückzuführen, dass die Regierung George W. Bush es versäumt habe, die Mobi­li­sierung im Zuge des war on terror in die Universitäten zu tragen.

Verena Buser widmete sich der ­Debatte über den Genozid-Vorwurf gegen Israel sowie den sogenannten Zweiten Historikerstreit in Deutschland und beleuchtete die antizionis­tische Stoßrichtung des andauernden akademischen Angriffs auf die Holocaust-Erinnerung.

Ein nennenswerter Austausch über die Theorie der Neuen Klasse – als der gebildeten Trägerschicht des virulenten Antizionismus in Universität und Zivilgesellschaft – blieb leider aus

Ein nennenswerter Austausch über die Theorie der Neuen Klasse – als der gebildeten Trägerschicht des virulenten Antizionismus in Universität und Zivilgesellschaft – blieb leider aus. ­Abgesehen von den vor allem psychologischen Ausführungen der Casa­blanca-Redakteurin Ada di Luca zum Thema sprach lediglich Russell Ber­man im engeren Sinne theoretisch über die Neue Klasse. Der ehemalige ­Telos-Chefredakteur befasste sich mit der merkwürdigen Attraktivität des ­Islamismus für diese. So könne der ­Islamismus den Interessen der Neuen Klasse in vielfacher Hinsicht dienlich sein: Als Gegenstand von sozialstaat­licher und sozialpädagogischer Einhegung liefere er eine Legitimation für den Ausbau der Verwaltung und könne zugleich in seiner legalistischen Gestalt als Partner in der Zivilgesellschaft gewonnen werden. Dort und in der ­aka­demischen Linken sei der Islam zudem ein vitales metaphysisches Angebot, welches sich reibungslos zu Antiimperialismus und Israelhass gesellt.

Einen Höhepunkt am zweiten Tag bildete ein weiterer Vortrag von Russell Berman über den weitgehend unbekannten katholischen Dichter Konrad Weiß und dessen Werk »Der christliche Epimetheus« von 1933. Darin entwickelte Weiß andeutungsweise eine sich sowohl gegen den naiven Humanismus der Weimarer Liberalen als auch gegen den Nationalsozialismus wendende negative politische Theologie.

Die Nation rückten dann erneut ­Joseph W. Bendersky und Sabine Bepp­ler-Spahl in ihren Beiträgen über Kurt Schumachers Nationalstaatsverständnis und Ernst-Wolfgang Böckenfördes Rede von der »relativen Homo­genität« als Voraussetzung des frei­heitlichen, ­säkularen Rechtsstaats in den Fokus. Das letzte Panel widmete sich schließlich der internationalen Pers­pektive: Unter anderem berichtete Eric Hendriks, der Leiter der China-Initia­tive des TPPI, über die asiatische Rezeption des deutschen antiwest­lichen Kultur­begriffs.

Eine Fortsetzung dieses deutsch-­US amerikanischen Austauschs wäre ­sicherlich ebenso wünschenswert wie eine weitergehende Rezeption von ­Telos und insbesondere Piccones älteren Texten hierzulande. Gerade diese haben eine Fülle heutiger Entwick­lungen – die Krise des Liberalismus und der Demokratie, Populismus, den Verfall der Linken –, lange bevor sie ubi­quitär wurden, theoretisch auf den Begriff gebracht. Befremdlich bleibt ­allerdings bei aller berechtigten Kritik an Transnationalismus und recht­licher Einhegung von nationaler Souveränität der frei flottierende Enthusiasmus für die Nation. Man denkt nach wie vor mit dem »Brexit«-Slogan »Take Back ­Control« und klammert sich an die ­Nation wie Linke ans revolutionäre Subjekt, um die krisenhaft verselbst­ständigten gesellschaftlichen Verhältnisse doch noch irgendwie unter ­Kontrolle zu bringen.

Statt die anachronistisch gewordenen ökonomischen Bedingungen natio­naler Souveränität in den Blick zu nehmen, übt man sich schlicht in Nostalgie. ­Abzuwarten bleibt, ob einige ehemalige Antideutsche sich irgendwann auch dem von US-amerikanischer Seite unbefangen vorgetragenen Lob für ­lokale Gemeinschaft, Tradition und Partiku­larismus anschließen und den emphatischen Individualismus sowie die ­Kritik der Nation links liegen lassen.

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Source: jungle.world