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Exil auf Probe

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Eriwans Luxusmeile. Hier residieren vor allem sehr reiche Russen

Eriwans Luxusmeile. Hier residieren vor allem sehr reiche Russen

An vielen Ecken Eriwans ist auffallend häufig der unverkennbare Moskauer Akzent zu hören. Das mag zum Teil an russischen Touristen liegen, doch hat sich seit 2022 die Zahl der zeitweise oder dauerhaft in Armenien lebenden russischen Staatsangehörigen definitiv vervielfacht. Allein im ersten Jahr der russischen Vollinvasion der Ukraine haben sich nach damaligen Angaben des armenischen Wirtschaftsministers 110.000 Russen in Armenien niedergelassen.

Damals hatten viele Russen übereilt ihr Land verlassen – teils in Panik wegen möglicher Kriegsfolgen und in Erwartung von Grenzschließungen. Seither herrscht in Armenien ein reges Kommen und Gehen. Manche der übergesiedelten Russen blieben, andere zogen weiter, nicht wenige kehrten nach Russland zurück. Derzeit steigt die Nachfrage nach Wohnungen wieder immens an, vergleichbar mit der ersten Phase nach Beginn der russischen Vollinvasion. In den vergangenen drei Monaten sind die Mietpreise für Wohnraum um rund 30 Prozent angestiegen.

Nach Armenien reiste Anna Grebennikowa im Februar 2023. »Mit einfacher Fahrkarte«, betont sie. Einen Weg zurück gebe es für sie nicht mehr; kurz vor der Ausreise fand bei ihr eine Hausdurchsuchung statt. 

»Wir sind seit einem halben Jahr in Eriwan«, erzählt Pjotr*. Die Möglichkeit, womöglich doch noch zum Armeedienst eingezogen zu werden, bereitete ihm große Sorgen. Es war seine Idee, aus Moskau wegzugehen und seine Anstellung als Universitätsdozent aufzugeben, seine Mutter Swetlana* habe ihn dabei unterstützt. Armenien sei ihre erste Wahl gewesen. »In Russland leben viele Armenier und wir wissen daher, dass sie sehr kontaktfreudig sind«, erklärt Swetlana. »Für uns ist das kein Kulturschock.«

Auch in praktischer Hinsicht bietet das Land Vorzüge, denn sowohl Russland als auch Armenien gehören der Eurasischen Wirtschaftsunion an. Die Einreise ist mit einem russischen Inlandspass möglich. Nach Vorlage eines Mietvertrags fällt die Beschränkung der Aufenthaltsdauer von 180 Tagen pro Jahr weg, für einen regulären Aufenthaltstitel braucht es einen Arbeitsvertrag.

Pjotr und Swetlana hatten sich in Moskau an sozialen Protesten beteiligt. In Eriwan haben sie Geflüchtete aus dem Iran unterstützt, ab und an besuchen sie politische Veranstaltungen russischer Exilanten, finden im Großen und Ganzen jedoch wenig Rückhalt bei anderen russischsprachigen Exilanten und fühlen sich recht isoliert. Derzeit sehen sie sich gezwungen, von ihrem Ersparten zu leben. Swetlana ist Rentnerin, Pjotr sucht vergeblich einen Arbeitsplatz: »Ich werde immer vertröstet.« Die erste Euphorie nach der Ankunft ist längst verflogen, gleichzeitig ängstigen sie die Nachrichten aus Russland. Wie es weitergehen soll, wissen sie nicht. Es ist ein Leben in der Schwebe.

»Relokant« oder Immigrant? Beide Begriffe kursieren in russischsprachigen Chats und Medien, um die Emigrationswelle aus Russland seit 2022 analytisch zu fassen: nur »umgezogen« oder ganz »ausgewandert«? Häufiger finde »die erste Bezeichnung Verwendung, aber viele finden sich darunter nicht wieder«, erklärt Anna Grebennikowa. Auch sie selbst nicht, schließlich habe sie nicht, wie das Wort »Relokant« suggeriert, einfach ihren Wohn- und Arbeitsort verlegt. »Ich bin eine politische Immigrantin«, konstatiert die studierte Historikerin und Anthropologin. Grebennikowa promoviert am Eriwaner Institut für Archäologie und Ethnographie zum Thema Immigration aus Russland, der Ukraine und Belarus nach Armenien vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.

Auf einer wissenschaftlichen Konferenz, so Grebennikowa, sei kürzlich die Zahl von 35.000 bis 40.000 derzeit in Armenien lebenden russischen Staatsangehöriger genannt worden. Sie selbst schätze, dass knapp ein Drittel davon aus politischen Gründen in Armenien Zuflucht gesucht und gefunden haben. Aber die Zuordnung sei kompliziert. Als Geflüchtete seien die einzuordnen, die Russland wegen politischer Verfolgung Hals über Kopf verlassen mussten. Andere hingegen weigerten sich, über ihre Beweggründe zu sprechen, oder seien unentschieden, welche Selbstbezeichnung auf sie am ehesten zutrifft.

Georgien, wo sich ebenfalls viele russische Exilanten niedergelassen haben, war für Anna Grebennikowa keine Option, weil politisch aktiven Menschen mit russischem Pass häufig die Einreise verweigert werde. 

Nach Armenien reiste Grebennikowa im Februar 2023. »Mit einfacher Fahrkarte«, betont sie. Einen Weg zurück gebe es für sie nicht mehr; kurz vor der Ausreise fand bei ihr eine Hausdurchsuchung statt, ihre Wohnung in Russland hat sie verkauft. Georgien, wo sich ebenfalls viele russische Exilanten niedergelassen haben, war keine Option für sie, weil politisch aktiven Menschen mit russischem Pass häufig die Einreise verweigert werde. Armenien habe sich daher als beste Wahl erwiesen, obwohl es auch hier gewisse Nachteile gäbe – beispielsweise die schlechte Luftqualität in Eriwan, besonders im Dezember. Außerdem verweist Grebennikowa auf die fest in der Gesellschaft verankerten patriarchalen Strukturen und übergriffiges männliches Verhalten. Allein durch ihr punkiges, queeres Erscheinungsbild ziehe sie Aufmerksamkeit auf sich. Im Vergleich zu Georgien, wo sie mit Gewaltdrohungen konfrontiert worden sei, sei die Situation in Armenien jedoch weitaus entspannter.

Sicherheit ist ein großes Thema im Exil. »Ich fühle mich hier vor dem russischen Staat relativ sicher«, sagt Grebennikowa. Selbst ihre Angst vor der Polizei habe sie überwunden. In den vergangenen Jahren gab es zwei Fälle, in denen russische Kriegsdienstverweigerer von russischen Militärs entführt worden waren. Im Juli 2025 gelang es der armenischen Polizei durch rechtzeitige Intervention, eine Entführung zu verhindern. Seither kommt es zwar immer wieder zur Festnahme russischer Staatsangehöriger, die von Russland zur Fahndung ausgeschrieben wurden, allerdings verhalten sich die armenischen Behörden recht kulant und lassen die Festgenommenen bisher in ein Drittland ausreisen oder lassen sie bald wieder frei und behelligen sie nicht weiter.

Russen bereiten sich inzwischen weitaus sorgfältiger als noch vor wenigen Jahren auf eine Übersiedlung nach Armenien vor. Neuankömmlinge profitieren von Selbsthilfegruppen, von Firmen, Bars und Treffpunkten wie dem Coworking-Café »Letters and Numbers«, die von russischen Exilanten betrieben werden. Hier finden auch Veranstaltungen statt, die sich nicht dezidiert an russische Emigranten richten und immer mehr jüngere Armenier anziehen. »Aber es ist unklar, wer sich in was integriert«, sagt Grebennikowa. »Manchmal kommt es mir so vor, als ob sich Armenier in die russische Gemeinschaft integrieren und nicht umgekehrt.«

Zwei Jahre lang hat Grebennikowa in einer privaten russischen Schule in Eriwan gearbeitet. Da habe es Eltern gegeben, die sich dagegen gewehrt hätten, dass sich ihre Kinder einmal die Woche mit der armenischen Sprache und Kultur befassen sollten. Imperiale Denkmuster seien unter russischen Exilanten allseits präsent, das sorge für Konflikte mit der armenischen Bevölkerung.

In der russischen Schule in Ewiwan habe es Eltern gegeben, die sich dagegen gewehrt hätten, dass sich ihre Kinder einmal die Woche mit der armenischen Sprache und Kultur befassen sollten. Imperiale Denkmuster seien unter russischen Exilanten allseits präsent, das sorge für Konflikte mit der armenischen Bevölkerung.

Und noch ein Phänomen hebt Grebennikowa hervor: »Hier wird entweder geheiratet oder man lässt sich scheiden.« Wer als Paar einreise, trenne sich entweder in absehbarer Zeit oder heirate. Emigration sei eine enorme Belastungsprobe. Nicht weit entfernt vom Coworking-Café in einem anderen von russischen Exilanten gegründeten Café mit Buchladen wird tatsächlich gerade Hochzeit gefeiert. Ein junger Mann mit schwarzem Hut führt die Gäste souverän durch den Abend. Aleksej erzählt, Hochzeitsfeierlichkeiten habe er früher mal als Profi moderiert, jetzt habe es sich eher zufällig ergeben. In Russland war er bei der LGBT-Organisation Majak aktiv, in seinem Heimatland gilt er jetzt als Extremist. Für ihn sei Eriwan nur ein kurzer Zwischenhalt, sobald sein Lebenspartner eintreffe, wollten beide mit einem humanitären Visum gemeinsam weiter nach Frankreich.

Dass sich die Emigration womöglich auf unbestimmte Zeit in die Länge zieht, ist oft eine bittere Erkenntnis. Igor hätte Russland vielleicht gar nicht verlassen, lauerte dort nicht die reale Gefahr, dass seine Frau wegen Geldspenden an den in Russland verbotenen Antikorruptionsfonds des in Haft verstorbenen Oppositionellen Aleksej Nawalnyj im Gefängnis landen könnte. Solche Fälle gibt es inzwischen zur Genüge. In Moskau hatte er sich als Wahlbeobachter engagiert und auch jetzt aus der Entfernung jene beraten, die bei der Duma-Wahl im September in Moskauer Wahllokalen gegen Unregelmäßigkeiten vorzugehen beabsichtigten. Eigentlich wollte er am 20. September in der russischen Botschaft in Eriwan seine Stimme abgeben, entschied sich letztlich aber dagegen. Beim ersten Treffen mit Igor vor der Wahl strahlte er noch ein wenig Optimismus aus, wenige Tage später erlebte er einen Stimmungsumschwung. Was nach dem Krieg komme, sagte er, sei schwer vorstellbar. Klar sei nur, es werde nie mehr so wie früher.

Erfolgsgeschichten sind in der Emi­gration eher die Ausnahme, aber es gibt durchaus Menschen, die es schaffen, sich selbst neu zu erfinden und damit glücklich zu sein. Einer von ihnen ist Tatjana. Die Mittvierzigerin hatte sich zunächst schwerpunktmäßig der psychologischen Beratung für andere Emigranten gewidmet, bis sie sich schließlich als Designerin selbständig gemacht habe. »Das geht auch ohne armenische Sprachkenntnisse«, berichtet sie. In Zukunft will sie als Architektin ihr Glück versuchen, derzeit absolviert sie einen Architekturkurs für Niedrighäuser. Dass ihr aus politischen Gründen die Rückkehr nach Russland versperrt ist, macht ihr nichts aus, aber auch sie weiß nur zu gut, dass sich ihre Erfahrung nicht verallgemeinern lässt. »Jeder hier muss seinen eigenen Weg finden.«

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Source: jungle.world