Germany · jungle.world · · 1h
Ewiger Fluch
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Russlands Präsident Wladimir Putin mit Alexius II, dem damaligen Patriarchen von Moskau und Russland, und Karekin II, dem Katholikos von Armenien, im März 2000.
Russlands Präsident Wladimir Putin mit Alexius II, dem damaligen Patriarchen von Moskau und Russland, und Karekin II, dem Katholikos von Armenien, im März 2000.
Bedroht ein lüsternes, korruptes und von Russland gelenktes Kirchenoberhaupt die nationale Sicherheit Armeniens? Oder will ein immer autoritärer agierender Ministerpräsident nun auch noch die Macht in der altehrwürdigen Armenischen Apostolischen Kirche an sich reißen, der mehr als 90 Prozent der Bevölkerung angehören? Oder trifft womöglich beides zu?
Marija Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, warnte Mitte September, dass über alle, die die Armenische Apostolische Kirche verfolgen, ein »ewiger Fluch« kommen werde.
Seit dem vergangenen Jahr geht Ministerpräsident Nikol Paschinjan politisch, aber auch strafrechtlich gegen die Kirchenführung vor und fordert die Absetzung ihres Oberhaupts, des Katholikos Karekin II. Die Vorwürfe sind vielfältig, vom Bruch des Zölibatseids durch Zeugung einer Tochter über die Nutzung der kirchlichen Steuerfreiheit für krumme Geschäfte und Amtsmissbrauch bis zu Verbindungen zu russischen Geheimdiensten. Die parlamentarische Opposition wirft Paschinjan eine unzulässige Einmischung in kirchliche Angelegenheiten vor. Man werde sich nicht an der von der Regierung geplanten Untersuchungskommission beteiligen, die illegal sei, und stehe zur Kirchenführung, sagte Marianna Ghahramanjan von der als prorussisch geltenden Partei Starkes Armenien Ende September. Die Kirche stehe nicht jenseits des Gesetzes, konterte Eduard Aghajanian von der regierenden Partei Zivilvertrag.
Artikel 17 der armenischen Verfassung garantiert die Religionsfreiheit, doch Artikel 18 erklärt die Armenische Apostolische Kirche zur »Nationalkirche im geistlichen Leben des armenischen Volkes, bei der Entwicklung seiner nationalen Kultur und bei der Bewahrung seiner nationalen Identität«. Ein solcher politischer Auftrag wird spätestens dann konfliktträchtig, wenn sich im Hinblick auf die nationale »Kultur« und »Identität« etwas ändert, wie es derzeit in Armenien der Fall ist. Seit dem vergangenen Jahr propagiert Paschinjan eine Doktrin,die er »reales Armenien« nennt. Im Kern bedeutet sie, sich auf die Entwicklung des real existierenden Staatsgebiets zu konzentrieren und nicht durchsetzbare Ansprüche auf ehemals armenische Territorien zurückzufahren. Damit geht die Abkehr von traditionellen Bündnispartner Russland und die Hinwendung zu EU und USA einher. Karekin II. nahestehende Bischöfe hatten sich bereits zuvor an oppositionellen Aktivitäten beteiligt, nun ließ die Kirchenführung verstärkt für das in Bergkarabach verlorengegangene kulturelle und religiöse Erbe predigen und beten – ein Angriff auf Paschinjans Politik. Karekin II. erhielt 2022 den russischen »Orden der Ehre« für Verdienste um die Förderung bilateraler Beziehungen und man sorgt sich um ihn: Marija Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, warnte Mitte September, dass über alle, die die Armenische Apostolische Kirche verfolgen, ein »ewiger Fluch« kommen werde. Paschinjans politische Kritik an der Kirchenführung ist berechtigt, die juristische Grundlage für sein Vorgehen allerdings ist dürftig. Der Katholikos muss nicht unschuldig sein, um als Sieger aus diesem Konflikt hervorzugehen.
Read the full story at the source
Source: jungle.world