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Es blieb immer in seinem Kopf
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Heute muss sie über ihn sprechen statt mit ihm: Gerda Dänekas und Albrecht Weinberg
Heute muss sie über ihn sprechen statt mit ihm: Gerda Dänekas und Albrecht Weinberg
Manchmal, so berichtet Gerda Dänekas, wache sie abends vor dem Fernseher auf und schaue immer noch instinktiv nach links. Doch der Sessel, auf dem Albrecht Weinberg gewöhnlich saß, bleibt seit dem 12. Mai 2026 leer. Unzählige Stunden hat die Wohngemeinschaft im ostfriesischen Leer zusammen Nachrichten verfolgt, diskutiert, gesungen, gegessen und gelacht. Dänekas war vieles für den im Alter von 101 Jahren verstorbenen Weinberg: Pflegerin, Mitbewohnerin und ab und an sogar Therapeutin, sagt sie.
Als Kind einer jüdischen Familie wuchs Albrecht Weinberg im Ostfriesland der Nazi-Zeit auf. Die relative Normalität seiner Kindheit endete, als er acht Jahre alt war und nicht mehr zur Schule gehen durfte. Nach den Novemberpogromen 1938 musste er sich mit 13 Jahren von seinen Eltern verabschieden, die später in Auschwitz ermordet wurden – bis zuletzt sprach er von ihnen nur als »Mama und Papa«. Auch Weinberg selbst wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und überlebte die Todesmärsche nach Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen. 1947 wanderte er mit seiner ebenfalls überlebenden Schwester Friedel nach New York City aus. In den 60 Jahren, die er in den USA lebte, hörte Weinberg immer wieder den einen Satz: »You must forget.« Doch nicht nur seine auf dem Unterarm eintätowierte Häftlingsnummer machte das unmöglich. Als den Geschwistern 2012 nach einer Erkrankung Friedels Hilfe in Ostfriesland angeboten wurde, brachen sie mit ihrem Vorsatz, nie wieder ins Land der Täter zurückzukehren. Sie zogen nach Deutschland. Dort traf Weinberg im Altenheim auf die Pflegerin Gerda Dänekas. Anfangs hätte sie nicht gewusst, wie sie mit Weinberg über sein Leben sprechen könne, sagt sie. »Aber dann habe ich wie einen Stöpsel gezogen und es ist nur so aus ihm herausgesprudelt.« Es sprudelte so viel, dass neben einem Buch über seine Lebensgeschichte nun auch ein Film erschienen ist: »Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf«.
In den 60 Jahren, die er in den USA lebte, hörte Weinberg immer wieder den einen Satz: »You must forget.« Doch nicht nur seine auf dem Unterarm eintätowierte Häftlingsnummer macht das unmöglich.
Einige Monate nach seinem Tod saß Dänekas in einem vollen Kinosaal in Berlin. Gemeinsam mit den Regisseur:innen Güner Balcı und Jesco Denzel stellte sie Ende August den Film vor, der über Weinbergs Leben gedreht worden war. Seit sie den Mann während der Covid-19-Pandemie in ihrer Wohnung in Leer aufgenommen hatte, war sie seine ständige Wegbegleiterin. Heute muss sie über ihn sprechen statt mit ihm. Jesco Denzel sagt, bereits in dem Moment, als er die beiden auf einer Gedenkveranstaltung in Bergen-Belsen kennenlernte, sei ihm klar gewesen, dass er Weinbergs Geschichte erzählen müsse. In den folgenden Jahren begleiteten die Filmemacher:innen den Alltag der Zweier-Wohngemeinschaft und waren nach einiger Zeit beeindruckt. »Albrecht hat sich nach all dem, was er erlebt hat, seine Liebe und Offenheit zu den Menschen bewahrt. Ehrlich gesagt kann ich das bis heute nicht begreifen«, sagt die Regisseurin Balcı.
Im Film zeigt sich das vor allem im Umgang des Holocaust-Überlebenden mit jungen Menschen. Zweimal pro Woche traf Weinberg Schulklassen in der ehemaligen jüdischen Schule Leers, die heute eine Gedenkstätte ist. Auch wenn 200 Kinder in der Aula waren, sei es mucksmäuschenstill gewesen, so Dänekas. Weinberg habe es geschafft, seine Geschichte zu erzählen und sich gleichzeitig für jedes einzelne Kind zu interessieren. »Kinder merken das«, meint Dänekas. »Er wurde nicht nur geachtet, er wurde geliebt.«
Bis zuletzt treiben Weinberg die Verbrechen um,, die die Deutschen an den Jüdinnen und Juden begangen hatten. »Immer wieder hat er gefragt: ›Warum? Warum haben die uns so gehasst?‹ Ich konnte es ihm nicht beantworten«, sagt Dänekas. »Er hatte große Angst davor, dass es wieder so wird.« Im Februar 2025 gab Weinberg sein Bundesverdienstkreuz zurück, nachdem ein Antrag der Unionsfraktion zur Migration im Bundestag mit Stimmen der AfD angenommen worden war. Der Taz sagte Weinberg damals: »Wenn diese Partei in der deutschen Politik an Akzeptanz gewinnt, kann ich das Bundesverdienstkreuz nicht mehr an meinem Sakko tragen, sonst müsste ich gebeugt herumlaufen.« Auch in seiner direkten Umgebung machte sich wieder Judenhass bemerkbar. 2022 und 2024 wurden auf dem jüdischen Friedhof in Leer mehrere Grabsteine geschändet und Hakenkreuze in den Boden geritzt. Doch auch der islamistische Vernichtungswahn gegen Jüdinnen und Juden weckte dunkelste Erinnerungen. »Nach dem 7. Oktober war Albrecht eine Woche nicht ansprechbar«, berichtet Dänekas.
Der islamistische Vernichtungswahn gegen Jüdinnen und Juden weckte dunkelste Erinnerungen. »Nach dem 7. Oktober war Albrecht eine Woche nicht ansprechbar«, berichtet Dänekas.
Güner Balcı, die neben ihrer Arbeit als Regisseurin auch Integrationsbeauftragte des Berliner Bezirks Neukölln ist, erlebt im Rahmen dieser Tätigkeit immer wieder, dass es viel Sympathie für den Terrorismus der Hamas gibt. »Wir haben eine große Lücke in unserer Bildungsarbeit«, sagt sie. »Das spiegelt sich in Teilen der Jugendkultur wider.« Kritisch äußert sie sich auch zum Berliner Wahlkampf und zum Antisemitismus in der Linkspartei. Auf einer Veranstaltung des Neuköllner Bezirksverbands war zuvor der Rapper Dahabflex aufgetreten, der zu Gewalt gegen den Staat Israel und seine Bewohner:innen aufruft. »Wenn wir wollen, dass jüdische Kinder sich an den staatlichen Schulen Berlins wieder sicher fühlen, muss extrem viel passieren«, sagt Balcı.
Auch Gerda Dänekas macht sich wegen der politischen Lage große Sorgen. »Aber man kann ja nicht aufhören. Man muss ja irgendetwas machen«, sagt sie. Auf dem Stein, der bald auf Weinbergs Grabstätte stehen wird, soll deshalb der Satz stehen, den er immer allen Kindern habe mitgeben wollen: »Macht nicht den gleichen Fehler. Macht den Mund auf.« Bereits vor dem offiziellen Kinostart am 10. September zeigte Dänekas den Film deutschlandweit in ausgewählten Kinos und stellte sich anschließend den Fragen des Publikums. Die Reaktionen seien überwältigend gewesen. »Viele Menschen gratulieren mir und danken mir für meinen Einsatz«, erzählt sie. Gleichzeitig gehe ihr der Film jedes Mal, wenn sie ihn sehe, aufs Neue nah. »Albrecht fehlt. Er fehlt jeden Tag.«
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Source: jungle.world