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Fühlten sich beide wohler in Armenien als in Stalins Russland: Wassili Grossman (links, 1941) und Ossip Mandelstam (ca. Anfang der dreißiger Jahre)
Fühlten sich beide wohler in Armenien als in Stalins Russland: Wassili Grossman (links, 1941) und Ossip Mandelstam (ca. Anfang der dreißiger Jahre)
Kurz bevor sich der stalinistische Terror gegen ihn wandte und einer der bedeutendsten russischsprachigen Dichter der Geschichte in den Lagern des Gulag unterging, durfte Ossip Mandelstam zwischen April und November 1930 mit der Erlaubnis des Komintern-Vorsitzenden und Herausgebers der sowjetischen Tageszeitung Iswestija, Nikolaj Bucharin, nach Armenien reisen. In der Sowjetunion, innerhalb derer Reisen streng reglementiert waren, war dies ein hohes Privileg. Obwohl Mandelstam für das Regime kein zuverlässiger »Ingenieur« an »der menschlichen Seele« war, wie Stalin einmal die Aufgabe von Literaten beim Aufbau des Sozialismus bezeichnete, erkannte man sein besonderes Talent und ließ ihn veröffentlichen – und eben die Reise nach Armenien antreten.
Zu diesem Zeitpunkt befand sich Mandelstam in einer schweren Schaffenskrise, die sich durch die Reise in den Kaukasus jedoch auflöste, wie die Kurzprosa, Gedichte und Notizen zeigen, die er währenddessen anfertigte. Auf Deutsch sind sie unter dem Titel »Die Reise nach Armenien« erschienen. Die Eindrücke der Reise, die Mandelstam selbst als die glücklichste Zeit seines Lebens bezeichnete, sind ein wahres Feuerwerk, Ausdruck unbändiger Neugierde und Entdeckungslust. Mandelstams Armenien-Texte sind dabei weniger ein Reisebericht im klassischen Sinne als ästhetische Erkundungen. Inspiriert von den Eindrücken, die er in Armenien und dem Kaukasus sammelte, verfasste er Gedichte, Überlegungen und Kurzprosa zu so unterschiedlichen Themen wie der zeitgenössischen französischen Malerei, der Musik Mozarts und der Botanik. Die Stücke lesen sich wie ein stürmischer Protest, es sind die Texte von einem, der erahnt haben mochte, dass die offene, ja geradezu naive, am Typus des Universalgelehrten vergangener Jahrhunderte geschulte selbstzweckhafte Beschäftigung mit der Welt bald im Terror untergehen könnte.
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Source: jungle.world