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Die Erfinder der Progressoren
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Die Brüder Arkadij und Boris Strugazkij auf dem Balkon von Arkadijs Apartment in Moskau um 1980
Die Brüder Arkadij und Boris Strugazkij auf dem Balkon von Arkadijs Apartment in Moskau um 1980
Im oberflächlichen Rückblick erscheint die Entwicklung der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg meist als unvermeidlicher Niedergang eines grauen und grauenhaften Imperiums des Militarismus und Stumpfsinns. Doch vor allem in den Jahren nach dem im Bereich der Nato als solcher empfundenen »Sputnik-Schock«, den der Start des ersten sowjetischen Satelliten 1957 auslöste, machte man sich im Westen nicht nur wegen potentiell bedrohlicher Raketen Sorgen.
Ebenfalls 1957 hatte der KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow erstmals angekündigt, die USA auch in Sachen Produktivität und Konsumgüterversorgung bald einzuholen und zu überholen. Das gelang bekanntlich nicht, doch verbesserte sich die Versorgung in der UdSSR tatsächlich, und im Westen sah man den Systemwettbewerb damals als ernste Herausforderung. So erinnerte das US-Magazin Foreign Affairs 1960 an »die missliche Lage von Beobachtern in anderen Bereichen«, die die Sowjetunion unterschätzten »und dann feststellen mussten, dass die Russen trotz allem tatsächlich ›eingeholt‹ hatten«.
Die Strugazkijs folgten der verbreiteten Auffassung, eine Zivilisation werde sich durch Krieg oder Umweltkatastrophen selbst zerstören, wenn sie nicht hinreichende ethische Reife erreiche.
Auch in der Sowjetunion hatten viele Menschen größere Hoffnungen – auf eine Waschmaschine, aber auch auf mehr Freiheit und Reformen, die langfristig womöglich sogar zu so etwas wie dem versprochenen Kommunismus führen könnten. Immerhin waren im Rahmen der Entstalinisierung Millionen politische Gefangene freigelassen worden, die Politik des »Tauwetters« (der Titel eines 1954 erschienenen Romans von Ilja Ehrenburg wurde zum Synonym dieser Periode) gestattete größere künstlerische Freiheit.
Bis Ende 1962. Noch im November war »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« erschienen, das Erstlingswerk des später geächteten und verfolgten Schriftstellers Alexander Solschenizyn über das Leben im Gulag. Doch im Dezember hatte Chruschtschow einen richtig schlechten Tag oder absolvierte – was wahrscheinlicher ist – einen Auftritt im Stil »Seine Majestät ist wütend, nehmt euch in Acht«. Im Moskauer Ausstellungskomplex »Manege« ereiferte er sich in wüster und vulgärer Art über den »Abstraktionismus« der dort ausgestellten Gemälde. Die Botschaft war klar: Sämtlich Künste sollten wieder stärker der Parteilinie und dem »sozialistischen Realismus« folgen.
Das betraf auch zwei Brüder, die erst seit wenigen Jahren schriftstellerisch tätig waren: Arkadij und Boris Strugazkij. Sie hatten bis dahin eher optimistische Zukunftsliteratur geschrieben, vornehmlich über ein 22. Jahrhundert ohne lästige Bürokraten und materielle Nöte, in dem Kommunist:innen den Weltraum erkunden. Das ergab einige reizvolle Kurzgeschichten, war aber dramaturgisch nicht allzu ergiebig. In gewisser Weise hat erst Chruschtschow die Strugazkijs auf Trab gebracht.
»Wenn für uns der Kommunismus die Welt der Freiheit und des Schöpfertums ist, dann ist es für sie eine Gesellschaft, wo die Bevölkerung unverzüglich und voller Lust alles ausführt, was Partei und Regierung vorschreiben.« Boris Strugazkij
Der 1925 geborene Arkadij Strugazkij starb bereits 1991. Boris, geboren 1933, lebte bis 2012 und verfasste für die sechsbändige bei Heyne erschienene deutschsprachige Werksausgabe kommentierende Nachworte, die nicht zuletzt die Auseinandersetzungen mit Bürokratie und Zensur schildern. »Wir werden von Lumpen und Feinden der Kultur regiert«, resümiert er die Ende 1962 begonnene Kampagne. »Sie werden uns niemals erlauben zu sagen, was wir für richtig halten, weil sie etwas ganz anderes für richtig halten. Und wenn für uns der Kommunismus die Welt der Freiheit und des Schöpfertums ist, dann ist es für sie eine Gesellschaft, wo die Bevölkerung unverzüglich und voller Lust alles ausführt, was Partei und Regierung vorschreiben.«
Das Werk der Strugazkijs hat wohl auch beeinflusst, dass viele Intellektuelle geradezu auf eine solche Kampagne gewartet zu haben scheinen. »Alle diese unheimlichen Kreaturen Stalins und Berijas« (des Geheimdienstchefs Stalins), so Boris Strugazkij, »kamen auf einmal aus ihren Löchern gekrochen, alle waren sie zur Stelle, energische, schlaue, geschickte Hyänen der Feder, Alligatoren der Schreibmaschine.« Die Strugazkijs blieben beim humanistischen Idealismus, doch wuchsen offenbar ihre Zweifel an ihrem Optimismus, dem die Entstehung eines »neuen Menschen« selbstverständlich war.
»Neue Ideen tauchten auf«, so Boris Strugazkij, den Brüdern sei klar geworden, dass der zunächst als Abenteuergeschichte geplante Roman »Es ist schwer, ein Gott zu sein« (1964) eine ernstere Note brauchte. Es sollte nun »ein Roman über das Schicksal der Intelligenz werden, die ins Dämmerlicht des Mittelalters getaucht ist«. Die Strugazkijs verzichteten auf Rat eines Kollegen allerdings darauf, den zentralen Bösewicht des Romans »Don Rebija« zu nennen – er wurde Don Reba, weil der Bezug auf Berija sonst allzu deutlich gewesen wäre.
Das Werk der Strugazkijs ist ausgesprochen vielfältig: Satire auf die Sowjetbürokratie (»Das Märchen von der Troika«), die Frage nach Sinn und Notwendigkeit von Widerstand (»Die zweite Invasion der Marsianer«), Geschichten, die irgendwo zwischen Monty Python und Kafka oszillieren (»Unruhe«, »Das Experiment«) und manches mehr. Im Zentrum des Werkes stehen jedoch die Romane, in denen die kommunistische Menschheit auf Planeten stößt, deren humanoide Bevölkerung in Klassengesellschaften lebt und leidet (neben »Es ist schwer, ein Gott zu sein« vor allem »Die bewohnte Insel«).
Die Zukunftsgesellschaft der Strugazkijs hat einige Ähnlichkeit mit dem »Star-Trek-Kommunismus«, nicht nur weil gebeamt wird (hier heißt es »Null-Transport«). Es gibt funktionale Hierarchien, aber auch einige von Boris Strugazkij in der Heyne-Werkausgabe reflektierte, der (Sowjet-)Zeit geschuldete Prägungen. Frauen sind berufstätig und intellektuell, bleiben aber im Hintergrund. Und das liebste Hobby der kommunistischen Menschheit ist die Jagd. Ansonsten widmen sich die Menschen drei im weitesten Sinne zu verstehenden Tätigkeitsbereichen: der Kunst, der Wissenschaft und dem Ingenieurswesen. Abgesehen von einer kleinen Gruppe, die in der Entwicklungshilfe für ferne Klassengesellschaften tätig ist.
Die Zukunftsgesellschaft der Strugazkijs hat einige Ähnlichkeit mit dem »Star-Trek-Kommunismus«, nicht nur weil gebeamt wird (hier heißt es »Null-Transport«).
Was tun? Gesellschaftlicher Fortschritt kann nicht durch überlegene Militärtechnologie erzwungen werden. Nach vielen Debatten und einigen Experimenten entschließt man sich, behutsam vorzugehen: »Progressoren« werden in wichtige Positionen eingeschleust, sie sollen vor allem die Bildung fördern. Aber wie, wenn Don Reba die Ermordung aller Gelehrten anordnet?
Das Science-Fiction-Genre war auch für die Zensur kein leichtes Gebiet. Der globale Sieg des Kommunismus war einerseits selbstverständlich, doch mischte sich die Sowjetunion andererseits offiziell nicht in die Angelegenheiten anderer Staaten ein. Damit waren auch die Progressoren verdächtig, denn so segensreich ihr Wirken sein mochte – so etwas wie Geheimagenten waren sie ja schon. Im Mittelalter konnte das gerade noch so durchgehen, die Welt in »Die bewohnte Insel« aber kennt Atomwaffen und Panzer. Zunächst war die Zensur etwas schläfrig, doch dann wurden an der 1969 veröffentlichten Zeitschriftenfassung von »Die bewohnte Insel« für den 1971 genehmigten Roman noch 896 Veränderungen vorgenommen. Eine der seltsamen Lösungen: Die Hauptfigur musste den russischen Namen Maksim Rostislawskij ablegen und stattdessen den deutschen Namen Maxim Kammerer annehmen.
Kammerer ist auch die Hauptfigur in zwei gewissermaßen abschließenden Werken (»Der Käfer im Ameisenhaufen« und »Die Wellen ersticken den Wind«), in denen die Menschen sich damit auseinandersetzen müssen, dass sie womöglich selbst Gegenstand von Entwicklungshilfe geworden sind. Die Strugazkijs folgten der während des Kalten Krieges in Ost und West verbreiteten Auffassung, eine Zivilisation werde sich vor dem Eintritt ins interstellare Zeitalter durch Nuklearkrieg oder Umweltkatastrophen selbst zerstören, wenn sie nicht hinreichende ethische Reife erreiche. Man muss also nicht fürchten, im Weltall auf Darth Vader oder die Klingonen zu treffen.
Aber es gibt die »Wanderer«, eine mutmaßlich nichthumanoide, technologisch weit überlegene Zivilisation, die das von Menschen besiedelte und erforschte Gebiet verlassen, aber Relikte hinterlassen hat, die das menschliche Leben beeinflussen könnten. Wird die sich selbst für fortschrittlich genug hal tende Menschheit zum Einsatzgebiet für Progressoren der Wanderer? Wie soll, darf, muss sie reagieren? Angesichts der Bedrohung – oder missverstandenen Verheißung? – kommt es zu Rückfällen in längst überwunden geglaubte Muster.
Die Frage, was die Strugazkijs ohne Zensur geschrieben hätten, ist interessant, aber selbst spekulativ kaum zu beantworten. Ihr Universum ist ein Produkt der Sowjetunion – zweifellos eines der besten. Ihre Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, in der UdSSR gehörten die Brüder mit einer Gesamtauflage von 50 Millionen zu den erfolg- und einflussreichsten Autor:innen. Da die Auflagen die Nachfrage nicht deckten, fanden sie auch Verbreitung als Samisdat-Literatur – eine besondere Auszeichnung.
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Source: jungle.world