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Der Raub an Freud
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Aus dem Album von Harry Freud: Sigmund und Alexander Freud beim Spaziergang im Wiener Ortsteil Grinzing, 1937
Aus dem Album von Harry Freud: Sigmund und Alexander Freud beim Spaziergang im Wiener Ortsteil Grinzing, 1937
Sigmund Freud verkörperte all das, was die völkische Ideologie der Nazis bekämpfte. Als Jude und als Begründer der Psychoanalyse galt er aus ihrer Sicht als »artfremd« und »zersetzend«. Seine Bücher wurden im Mai 1933 mit denen anderer Intellektueller und Schriftsteller verbrannt, die Psychoanalyse wurde im selben Jahr gleichgeschaltet und zur positivistischen, dem Regime treu ergebenden Naturwissenschaft umgebaut. Immerhin konnte Freud noch fünf Jahre in Wien praktizieren, ehe mit dem »Anschluss« Österreichs an Nazi-Deutschland am 13. März 1938 auch sein Schicksal ebenso wie das von 70.000 österreichischen Juden besiegelt war.
Mit der Ausstellung »Der Fall Freud. Dokumente des Unrechts« erinnert das Wiener Sigmund-Freud-Museum an die Wochen, Monate und Jahre nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich am 12. März 1938 und die damit einsetzende Entrechtung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Wiener Juden am Beispiel der Familie Freud, darunter der jüngere Bruder Alexander sowie die vier Schwestern Rosa Graf, Maria Freud, Adolfine Freud und Pauline Winternitz. Die Ausstellung stützt sich auf Tausende Seiten von Familienbriefen, die in der Library of Congress (LoC) in Washington, D.C., aufbewahrt werden.
Die Ausstellung räumt nicht zuletzt mit dem Mythos auf, Freud habe seine Schwestern einfach in Wien zurückgelassen. Zahlreiche Briefe und Dokumente belegen, dass Freud und sein Bruder Alexander alles taten, um die Ausreise zu ermöglichen.
Das Freud-Museum befindet sich in der Berggasse 19 im ehemaligen Wohnhaus der Familie Freud im neunten Bezirk, wo auch Freuds Praxis war. Die dort gezeigten Auflistungen beinhalten Einrichtungsgegenstände, Schmuck, Wertpapiere, Bücher und Deportationslisten. Das Vermögen der Familie Freud ist detailliert dokumentiert. Anders als die Nazis später behaupteten, durfte Freud davon so gut wie nichts behalten. Das Interieur seiner Praxis samt seiner Antikensammlung sei zwar nach London verfrachtet worden, aber »hinter den Kulissen« sei Freud beraubt worden, schreibt Daniela Finzi im Begleitkatalog zur Ausstellung.
Ein weiterer Aspekt sind die Dokumentationen der »Entrechtung Freuds«, die von Täterseite, durch den SS-Obersturmbannführer Erich Führer und den Beauftragten für die »Arisierung« von Freuds Praxis und dem Internationalen Psychoanalytischen Verlag, Anton Sauerwald, erstellt wurden. Die »deutsche Gründlichkeit« sorgte auch dafür, dass der Nazi-Terror für die Nachwelt protokolliert wurde. Führer und Sauerwald waren in unterschiedlicher Funktion damit beschäftigt, das Vermögen der Familie Freud zu verwalten, um sie zu enteignen. Der Rechtsanwalt Erich Führer war schon vor dem »Anschluss« Mitglied der »illegalen« Nationalsozialisten, er verwaltete auch das Vermögen von Freuds Bruder Alexander. Dieser flüchtete mit seiner Frau Sophie 1938 mittellos über Zürich nach London und dann weiter nach Kanada, wo er im Jahr 1943 nach einem Herzinfarkt starb.
Die Rolle Anton Sauerwalds ist im Vergleich zu jener Führers wesentlich komplexer. Am 15. März 1938 war er von den Nationalsozialisten zum Treuhänder für die Familie Freud ernannt worden. Die Nationalsozialisten setzten damals für jeden jüdischen Betrieb eine ihnen loyale Person ein, die sicherstellen sollte, dass das angeblich unrechtmäßig erworbene jüdische Vermögen »arisiert« wurde. Sauerwald galt laut dem Freud-Biograph Ernest Jones als »rabiater Antisemit und Nazi«, in seiner Akte bei der Gauleitung der NSDAP wurde er entsprechend als »moralisch einwandfrei« eingestuft.
Im Oktober 1945 wurde Sauerwald auf Betreiben von Freuds Neffen Harry, damals Offizier der U.S. Army, verhaftet und wegen »missbräuchlicher Bereicherung« angeklagt, später aber freigesprochen. Dabei half auch ein Schreiben von Anna Freud an das Wiener Landgericht, in dem sie Sauerwald entlastete und darauf hinwies, dass die Familien von Sigmund und Alexander Freud ohne seine Hilfe nicht hätten flüchten und überleben können.
»Die Verfolgung in Österreich und insbesondere in Wien ging über das Reich hinaus. Die öffentliche Demütigung war krasser und sadistischer, die Enteignung besser organisiert, die Zwangsemigrierung rascher.« Saul Friedländer
Das Jüdische Museum Wien hat bereits vor zwei Jahren mit der Ausstellung »Raub« die systematische Entrechtung der Wiener Juden dokumentiert. Mit dem »Anschluss« begann einer der größten staatlichen Raubzüge der Geschichte. »Die Verfolgung in Österreich und insbesondere in Wien ging über das Reich hinaus. Die öffentliche Demütigung war krasser und sadistischer, die Enteignung besser organisiert, die Zwangsemigrierung rascher«, schreibt der Historiker Saul Friedländer in seiner Studie »Das Dritte Reich und die Juden«.
Entsprechend diente das heutige Freud-Haus von 1939 bis 1942 als nationalsozialistische Sammelunterkunft. In dieser Zeit wurden dort mindestens 79 jüdische Menschen auf dem Weg zur Deportation zwangsweise untergebracht. Das Kapitel »Wohnungspolitik nach dem ›Anschluss‹« zeichnet anschaulich am Beispiel der Schwestern Freuds das Schicksal der Wiener Juden nach. »Antijüdische Verordnungen« führten dazu, dass viele in »Sammelwohnungen« oder jüdische Altersheime umziehen mussten. Die neuen Unterkünfte waren letztlich nichts anderes als Sammelstätten für die späteren Deportationen. Sogenannte »Hauslisten« dokumentieren, dass mitunter mehrere Dutzend Menschen in einer Wohnung zusammengepfercht wurden. Die vier betagten Schwestern Freuds wohnten in der Biberstraße 14 unter der Türnummer 7. Mindestens 15 weitere Namen sind für diese Adresse verzeichnet. Weitere Namen sind bereits durchgestrichen, das heißt: Sie waren deportiert worden oder gestorben.
Die Ausstellung räumt nicht zuletzt mit dem Mythos auf, Freud habe seine Schwestern einfach in Wien zurückgelassen. Zahlreiche Briefe und Dokumente belegen, dass Freud und sein Bruder Alexander alles taten, um die Ausreise zu ermöglichen. Die Schriftstücke zeigen aber auch, wie Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wuchsen, nachdem die zahlreichen Anträge abgelehnt wurden. 1941 wurde schließlich die finanzielle Unterstützung durch die Familie eingestellt, auch weil es keine Möglichkeiten mehr gab, das Geld zu transferieren. Wenig später wurden die Frauen nach Theresienstadt deportiert, wo die bereits schwer kranke Adolfine starb. Die drei anderen Schwestern kamen nach Treblinka und wurden dort kurz nach ihrer Ankunft ermordet.
Diejenigen, die die Shoah überlebten, kehrten in der Regel nicht in ihre alte Heimat zurück, nicht nur weil sie die Erinnerungen an die Grausamkeiten und Verbrechen nicht ertrugen, sondern auch weil mit dem Ende der NS-Herrschaft der Ungeist längst nicht verschwunden war. Und das nicht nur bei den Tätern und Mitläufern, sondern auch bei denjenigen, die, obwohl selbst politisch verfolgt und inhaftiert, ihren eigenen Antisemitismus nicht verstecken konnten und wollten.
Entsprechend wichtig ist es, dass die Ausstellung auf dieses Kapitel eingeht, auch weil sich die österreichische Bevölkerung als erstes »Opfer des Nationalsozialismus« sah, wie unter anderem die »Präambel der Unabhängigkeitserklärung« vom 27. April 1945 zeigt. Die drei an der Staatsgründung beteiligten Parteien SPÖ, ÖVP und KPÖ hatten darin den Opfermythos der Nachkriegszeit begründet. Kanzler Karl Renner (SPÖ) erklärte sogar, dass die »Rückgabe des geraubten Judengutes« nicht an die »einzelnen Geschädigten, sondern an einen gemeinsamen Restitutionsfonds« erfolgen sollte, »um ein massenhaftes, plötzliches Zurückfluten der Vertrieben zu verhüten«.
Zu diesem Zeitpunkt lebten Sigmund Freud, sein Bruder Alexander sowie ihre vier Schwestern nicht mehr. Lediglich Freuds Tochter Anna und der Neffe Harry hatten das Ende des NS-Regimes erlebt. So zeigt die Ausstellung im Freud-Museum das ganze Bild der Verfolgung, Entrechtung, Vertreibung und Tötung der Wiener Juden nach dem »Anschluss« im Jahr 1938, die bis in die Gegenwart weiterwirken. Eine Gegenwart, in der der Antisemitismus längst wieder hoffähig geworden ist, weil er nie weg war – und das nicht nur bei überzeugten Nazis und Anhängern der FPÖ.
Die Sonderausstellung »Der Fall Freud. Dokumente des Unrechts« ist im Sigmund-Freud-Museum in Wien noch bis zum 9. November 2026 zu sehen.
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Source: jungle.world