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Der kommende Star
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Plastisches Selbstporträt Maurizio Catellans. Installation im Museum Boijmans Van Beuningen, 2009
Plastisches Selbstporträt Maurizio Catellans. Installation im Museum Boijmans Van Beuningen, 2009
»Ganz Berlin kotzt über die Verleihung des Preises der Neuen Nationalgalerie an Maurizio Cattelan«, hieß es im November 2025 nach der Bekanntgabe des kommenden Preisträgers in einem Kommentar des Kunstmagazins Monopol. Grund für die Empörung ist die völlige Neuausrichtung des vom Freundeskreis der Nationalgalerie gestifteten Preises, mit der die Würdigung eines im Kunstmarkt derart etablierten Künstlers wie Cattelan erst möglich wurde. Neuer Ausstellungsort, neues Konzept: Wurden bislang im Zweijahresrhythmus junge, das heißt unter 40jährige in Deutschland lebende Künstler:innen ausgezeichnet, tritt der Preis, wie es in der Presseerklärung zur Vergabe heißt, »mit dem Umzug in die Neue Nationalgalerie in eine neue Phase ein«. Der Preis ist nicht mehr der Nachwuchsförderung verpflichtet, das Ziel ist es nunmehr, »einer prägenden Stimme der internationalen Gegenwartskunst« Gelegenheit zu bieten, »eine fokussierte und ambitionierte Ausstellung in der ikonischen Glashalle zu realisieren«.
An die Stelle der gemeinsamen Shortlist-Show mit konkurrierenden künstlerischen Positionen, wie sie bislang mit den Werken von je vier Nominierten im Hamburger Bahnhof stattfand, tritt nun eine Einzelausstellung, die vor allem Aufmerksamkeit und internationale Anziehungskraft generieren soll – für den Künstler und die Institution.
Mehrfach schon hat Cattelan Stellvertreter an seiner statt erscheinen lassen, weil er einerseits eine »Auszeichnungsphobie« habe, es andererseits aber unhöflich fände abzusagen.
Von beidem hat der 1960 in Padua geborene Konzeptkünstler Maurizio Cattelan während seiner Laufbahn, wie die Kritiker:innen finden, bereits genug, wenn nicht mehr als genug erhalten – etwa für eine mit Tape an die Stellwand einer Kunstmesse geklebte Banane unter dem Titel »Comedian«, eine Installation, die bei einer Auktion den Preis von 6,2 Millionen Dollar erzielte. Seine Hitler-Skulptur »Him« brachte gar 17,2 Millionen Dollar ein. Sie wird auch in der Neuen Nationalgalerie zu sehen sein.
Über Jahre galt Cattelan vor allem als Provokateur und Hofnarr des Kunstbetriebs. Zu Preisen und Würdigungen hat er obendrein ein kompliziertes Verhältnis: Mehrfach schon hat er Stellvertreter an seiner statt erscheinen lassen, weil er, wie er in verschiedenen Interviews sagte, einerseits eine »Auszeichnungsphobie« habe, es andererseits aber unhöflich fände abzusagen.
Georg Seeßlen, der genau zur richtigen Zeit sein neues Buch »Cattelan! Eine Reise zu Kunst, Komik und Kritik« vorlegt, fasst die Debatte so zusammen: »Es gibt offenbar wenige zeitgenössische Künstler, denen man das Arrivieren so übelnahm wie ihm. Die Auszeichnung mit dem Preis der Nationalgalerie und die Ausrichtung einer großen Ausstellung im Jahr 2026 verärgerte die deutsche Kunstkritik vor allem, weil dieser Preis nicht, wie eigentlich erwartet, an junge Künstlerinnen oder Künstler vergeben wurde, sondern an einen, nun eben, ›Arrivierten‹. Mit einem Mal scheint einer wie Maurizio Cattelan eine Bremse im Kunstbetrieb zu sein. Und er selbst hat dazu auch nichts anderes zu sagen als: ›Erfolg ist nur ein Scheitern, das vergessen hat, aufzuhören.‹«
Warum er so weit gekommen ist, wohin es vielleicht noch führen wird und ob die Kunst des Maurizio Cattelan eine große ist oder früher oder später doch »weg kann«, legt Seeßlen in einem 400 Seiten starken Buch dar. Seine Methode: »In diesem Buch baue ich ein paar Spiegel um die Kunstwerke von Maurizio Cattelan auf, um zu sehen, welche Ideen zurückschauen. Und ich baue ein paar Spiegel um Ideen auf, und lasse Kunstwerke von Maurizio Cattelan zurückschauen. Mal sehen, was daraus wird. Dazwischen gibt es natürlich etliches zu erzählen. Von Cattelan, von Italien, von der Kunst und ihrer Geschichte, vom Faschismus und von der Möglichkeit einer Kultur, die gegen ihn spricht.«
Seeßlen fragt, ob Kunst in Zeiten, in denen offen zur Schau gestellte Niedertracht eine immer größere Rolle im Handeln der herrschenden – und Kunst kaufenden und definierenden – Klassen und ihrer Mitläufer spielt, überhaupt noch als subversiv gelten oder über das alles bestimmende Spektakel hinausweisen kann.
Das gestaltet sich zu einer durchweg vergnüglichen Lektüre, wobei Seeßlen häufig und voller Erzähldrang Umwege beschreitet. Inspiriert vom situationistischen Konzept des Umherschweifens, nähert er sich seinem Gegenstand aus vielen Richtungen und liefert nicht nur ein in Familien-, Kunst- und Kunstverweigerungsgeschichte(n) eingebettetes Künstlerporträt, in dem vielfältige Arten des Auftauchens, Verschwindens und Wiederkehrens eine wichtige Rolle spielen. Unterwegs entwirft er zusätzlich eine kleine Geschichte des Zusammenhangs von Kunst, Ironie und Komik, beschäftigt sich damit, wie Kunst und Kunstmarkt zusammenhängen, und untersucht, welche Rolle die Kritik bei alledem spielt. Und er fragt, noch einmal allgemeiner, ob Kunst in Zeiten, in denen offen zur Schau gestellte Niedertracht eine immer größere Rolle im Handeln der herrschenden – und Kunst kaufenden und definierenden – Klassen und ihrer Mitläufer spielt, überhaupt noch als subversiv gelten oder über das alles bestimmende Spektakel hinausweisen kann.
Wie üblich hat er sich also eine Menge vorgenommen und zugleich ein sehr persönliches Buch geschrieben. Denn nicht zuletzt geht es um seine »sehr eigene Begegnung mit der Bildwelt eines eigenen Künstlers«, den manche »für einen der wichtigsten unserer Zeit halten«.
Von Caravaggio, der als Erster mit der harmonischen Ruhe der Renaissancekunst brach und mit seinen Bildern die Menschen erschauern ließ, über den Dadaismus und die auf ihn folgenden »Künste der Verweigerung« skizziert Seeßlen die Genealogie der Kunst Cattelans. Als wichtige direkte Vorläufer nennt er die Art brut, die italienische Arte Povera und die Transavanguardia, deren Vertreter weder eine Überzeugung noch einen Code teilen, sondern als Vereinzelte mit verzerrten und verschlüsselten Figurationen auf die Trümmer der großen gesellschaftlichen Erzählungen reagieren, die die allgemeine Hinwendung zum Spektakel in der Kunst hinterlassen hat.
»Die Angst vor dem Verschwinden ist in unseren Tagen so universal, wie es einst die Angst vor der Pest war«, resümiert Seeßlen. »Das glückliche, wenngleich melancholische Lachen bei Maurizio Cattelan ist die Überwindung der Furcht vor dem Verschwinden und die gleichzeitige Erkenntnis ihrer Realität.«
Deutlich macht er, dass viele der zunächst als einfache Witze lesbaren Werke des Künstlers trotz ihrer Eingängigkeit bei genauerer Betrachtung regelmäßig neue Fragen aufwerfen. Einerseits sind die Arbeiten an die Orte und ihre Geschichte gebunden, für die sie konzipiert worden sind, wie der aus Carrara-Marmor gefertigte riesige Stinkefinger (»L.O.V.E.«) im Herzen des Mailänder Finanzzentrums. Andererseits greift Cattelan häufig bereits verwirklichte Ideen auf und stellt sie in ganz andere Kontexte, in denen sie noch einmal neue Wirkung entfalten.
Zudem weisen die Spuren und ganz eigenen Geschichten von Cattelans Werken immer wieder über den Kunstbetrieb hinaus. So löste die Skulptur des von einem Meteoriten zur Strecke gebrachten Papstes Johannes Paul II. mit dem Titel »La Nona Ora« bei einer Kunstschau in Polen Tumulte aus. Dabei wurde sie im Jahr 2000 von zwei polnischen Sejm-Abgeordneten in einer in deren Eigenbeschreibung »heroischen Tat« angegriffen und symbolhaft gereinigt (die beiden hatten versucht, den Stein zu entfernen und die Figur aufzurichten); die Galeristin, die gewagt hatte, sie auszustellen, wurde entlassen. Cattelans Plastik »America«, eine goldene Toilette, die 2016 zunächst im New Yorker Guggenheim-Museum gezeigt und dort von den Besuchern auch benutzt werden konnte, wurde bei ihrer Präsentation im britischen Blenheim Palace 2019 eines Nachts gestohlen.
Um veränderte Wahrnehmung längst Bekannten soll es nun in der ersten großen Einzelausstellung in Deutschland mit dem Titel »Night« gehen, die »wichtige historische Werke Cattelans«, aber auch neue, auf den Ort zugeschnittene Arbeiten zeigen will. Der Künstler, so die Nationalgalerie, kehre mit der Ausstellung in eine Stadt zurück, deren Kunstlandschaft er durch die von ihm 2006 mitkuratierte Biennale geprägt habe. Falls er denn wie angekündigt in persona kommt und keinen Stellvertreter schickt.
Maurizio Cattelans Ausstellung »Night« in in der Berliner Neuen Nationalgalerie vom 10. September 2026 bis 7. März 2027 zu sehen.
Georg Seeßlen: Cattelan! Eine Reise zu Kunst, Komik und Kritik. Verlag Martin Schmitz, Berlin 2026. 420 Seiten, 30 Euro
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Source: jungle.world