Germany · jungle.world · · 2h
Der analoge Mann
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»Hast du Lust, zu Oidorno zu gehen? Ich habe noch eine Karte«, fragte mich Flo schon vor Wochen. Flo hat eigentlich immer Karten zu vergeben. Er kauft immer mehrere, irgendjemand aus dem Freundeskreis wird schon mitgehen. Manchmal bleibt er auch auf einer hängen, aber das ist ihm egal. Flo ist ein sehr großzügiger Mensch. Ich habe gleich zugesagt.
Wir stehen vor dem Festsaal Kreuzberg. Flo hat Bier dabei und reicht mir eine Flasche. Da kommt Friedemann, ein Arbeitskollege von Flo, auf uns zu und hält uns eine Eintrittskarte hin. »Ich hab eine über. Könnt ihr die noch schnell verkaufen?«, sagt er und ist auch schon im Festsaal verschwunden. »Hä?«, sagt Flo. »Ganz schön frech!«, sage ich. »Warum müssen wir uns darum kümmern?« Trotzdem gehen wir zusammen zurück und fragen herum, ob noch jemand eine Karte braucht. Nach fünfzehn Minuten geben wir auf. Wir gehen zurück. An der Kasse gibt Flo das Ticket ab: »Für jemanden, der noch eins braucht. Geschenkt!«
»Sind die nicht bei Audiolith? Das sind doch Agenten des Mossad!«
Als ich drinnen in der Schlange stehe, um Bier zu holen, erzählt mir Friedemann von einem Bekannten, dem er gesagt hat, er würde aufs Oidorno-Konzert gehen. Da hätte der Bekannte geantwortet: »Sind die nicht bei Audiolith? Das sind doch Agenten des Mossad!« Sofort habe ich das Gefühl, auf dem richtigen Konzert zu sein. Ich trinke im Laufe des Abends zweieinhalb Biere und bin ordentlich betrunken. Während des Konzert versuche ich, in diesem Zustand zu zeichnen. Neben der Bühne im Halbdunkel kann ich nicht erkennen, was ich zu Papier bringe. Ich tanze auch vorsichtig mit. Von der Bühne kommt die Ansage: »Passt aufeinander auf! Macht nicht so heftig!« Für ihren Hit »Aufs Maul« wird der Platz vor der Bühne für Flintas freigemacht.
Es sind lauter gute Leute im Festsaal Kreuzberg. Die meisten sind zwanzig Jahre jünger, ich vermute im Durchschnitt Jahrgang 1986. Ich bin Jahrgang 1966. Als ich mich umsehe, fällt mir außerdem auf, dass ich von allen Männern die längsten Haare habe, obwohl ich noch nicht mal langhaarig bin. Okay, kein Wunder bei einem Oidorno-Konzert, auf dem, wenn auch ironisch gebrochen, immer noch dem Skinhead-Kult gefrönt wird. Der Bandname ist ein Kofferwort aus »Oi!« und dem Namen des Philosophen Theodor W. Adorno.
Die Band Oidorno kannte ich, aber ehrlich gesagt, ihre Musik nicht so richtig. Ihre ersten zwei EPs sind 2018 und 2019 erschienen. Ihr überschaubares Œuvre haben sie unlängst auf eine Best-of-LP gepresst. Eine Platte mit allen Liedern, die auch durchgehend sehr gut sind. Oidorno-Konzerte sind Mitsingabende. Das Publikum kennt jede Zeile. Jetzt sind die Leute fast zehn Jahre älter als bei Erscheinen der ersten Platte. Damals waren sie noch jung und ungebunden. Die Männer wirken wie Familienväter, die sich darüber freuen, ausnahmsweise mal auszugehen zu können. Gehetzt und ein Stück zu heftig wird geraucht und getrunken. Der Raucherbereich platzt aus allen Nähten.
Nach dem Konzert spielt ein weißhaariger DJ die größten Hits von Little Richard in voller Lautstärke. Die Leute tanzen. Ich fühle mich, leicht angeschossen, super. Selten habe ich mich auf einem Konzert unter lauter jüngeren Leuten so jung gefühlt. Danke Oidorno! Danke Flo! Beim Rausgehen frage ich an der Kasse, was aus dem Ticket geworden ist. Tatsächlich hat es jemand bekommen. Es hat sogar noch eine weitere Person ein Ticket verschenkt. Ich erhalte es als Souvenir.
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Source: jungle.world