Faultline Faultline Kommando 161

Germany · jungle.world · · 3h

Architekturkritik auf Deutsch

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Am 11. September 2001 war ich 15 Jahre alt. Ich wusste nicht, was das World Trade Center überhaupt war, und hörte an diesem Tag zum ersten Mal von Osama Bin Laden. Wie alle saß ich stundenlang vorm Fernseher. Als depperter RAF-Fan war ich zwar davon überzeugt, dass man die USA angreifen müsse, aber mein Bauch­gefühl sagte mir, dass diese Aktion vielleicht irgendwie zu krass war. Mein Grasdealer köpfte derweil eine Flasche Champagner, weil es endlich mal die Richtigen getroffen habe. Klar: Babylon brannte. 

Wolfgang Joop, als Mo­dedesigner nicht für Geschmack bekannt, betätigte sich als rigoroser Kapitalismuskritiker: »Ich bedaure nicht, dass das Symbol der Twin ­Towers nicht mehr steht, weil sie kapitalistische Arroganz symbolisierten.«

Es gab wohl auch Kiffer, die die Terroranschläge nicht ganz so gut fanden; dafür deckten sie alsbald auf, wer wirklich dahintersteckte. Die beiden großen Bestseller des Taz-Mitgründers Mathias Bröckers heißen »Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf« und »Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die ­Geheimnisse des 11.9.«. Auch andere Gelehrte fanden schnell die aus ihrer Sicht passenden Worte: Für Peter Sloterdijk gehörte 9/11 »eher zu den schwer wahrnehmbaren Kleinzwischenfällen« des 20. Jahrhunderts, Karlheinz Stockhausen erkannte »das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat«, und der nicht unsym­pathische Wiglaf Droste witzelte über »die Geburtsstunde der bemannten fliegenden Architekturkritik«. Ein weiterer deutscher Denker, Horst Mahler, nannte die Anschläge schlicht »rechtens«. Wolfgang Joop, als Mo­dedesigner nicht für Geschmack bekannt, betätigte sich als rigoroser Kapitalismuskritiker: »Ich bedaure nicht, dass das Symbol der Twin ­Towers nicht mehr steht, weil sie kapitalistische Arroganz symbolisierten.« Auch der Rapper und angebliche Schauspieler Massiv verfolgte ein paar Jahre später eine heiße Spur, als er raunend Folgendes verbreitete: »Am 11. September 2001 sind 4 000 Israelis im World Trade Center nicht zur Arbeit erschienen.« Und so weiter und so fort. 

25 Jahre 9/11, das bedeutet zugleich: ein Vierteljahrhundert deutscher Irrsinn. Joachim Rohloff und Henryk M. Broder (auch Männer natürlich) haben seinerzeit ganze Chroniken dazu verfasst, und es lohnt sich, sie mal wieder aus dem Schrank zu holen. Man vergisst ja so schnell.

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Source: jungle.world