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Politics · Jacobin · · 1h

Der Wirtschaftspopulismus der AfD könnte kaum oberflächlicher sein

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Es dauerte weniger als eine Stunde. Kaum war an diesem Sonntag klar, dass die Alternative für Deutschland (AfD) die mit Abstand stärkste Partei in Sachsen-Anhalt ist, bot Elon Musk seine Stimme abGlückwunschzu X. Der Spitzenkandidat der nationalistischen Partei, Ulrich Siegmund,antworteteSofort bot er auf Englisch eine „starke und konstruktive Zusammenarbeit“ an und versprach, dass Deutschland unter der Führung der AfD wieder „ein Ort werden würde, in den es sich zu investieren lohnt“.

Es ist das erste Mal, dass ein Landesverband der vom Verfassungsschutz als „bestätigt rechtsextremistisch“ eingestuften Partei tatsächlich einen Landessieg errungen hat. Der Austausch zu X war der jüngste in einer Reihe öffentlicher Annäherungsversuche zwischen dem reichsten Mann der Welt und der AfD.

Diese Episode verdient eine genauere Betrachtung, denn sie wirft eine Frage auf, die in der deutschen Debatte oft übersehen wird: Wie steht die AfD tatsächlich zum Thema Kapital? Die Antwort ist widersprüchlicher, als das Bild des technikaffinen Milliardärs und seines neuen politischen Verbündeten vermuten lässt.

Der eigentliche Grund für die Gründung der AfD im Jahr 2013 war nicht die Einwanderungspolitik, sondern der Widerstand gegen die Euro-Rettungspolitik (den Europäischen Stabilitätsmechanismus und die Finanzhilfen für Griechenland). Angesichts der Herkunft ihrer Gründer wurde die marktwirtschaftliche AfD schon früh als „Professorenpartei“ bezeichnet. Von den 58 Gründern, die das Gründungsmanifest der „Alternative“ unterzeichneten, stammte keiner aus Ostdeutschland, wo sie heute ihre stärkste Unterstützung genießt.

Spätestens mit der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2015 verlagerte sich der Fokus der Partei. Einer ihrer Führer, Alexander Gauland, bezeichnete die Ankunft von rund einer Million Flüchtlingen aus dem syrischen Bürgerkrieg als „Geschenk Gottes“ für die AfD. Nachdem die Kanzlerin im Oktober 2015 in einem Fernsehinterview erklärt hatte, dass die deutschen Grenzen nicht mehr wie bisher gesichert werden könnten, stieg die zuvor abgeschriebene Partei im Dezember in den Umfragen auf 10 Prozent. Seitdem definiert die AfD ihre Wirtschaftspolitik vor allem als Opposition gegen die Arbeitsmigration nach Deutschland.

Da der frühere Flügel der radikalen freien Marktwirtschaft um Gründerpersönlichkeiten wie Bernd Lucke die AfD längst verlassen hat, wurde seine ursprüngliche Politik durch eine Mischung aus nationalistisch-protektionistischer Rhetorik und selektiven Wohlfahrtsmaßnahmen ersetzt, die sich speziell an Wähler richten, die sich von der Globalisierung abgehängt fühlen. Doch auch für den energieintensiven Mittelstand, insbesondere in Ostdeutschland, bleibt die Partei aufgrund ihrer Ablehnung von Klimapolitik und EU-Regulierung sowie ihrer Forderung nach billiger Energie, notfalls auch aus Russland, attraktiv. Große exportorientierte Konzerne, die auf offene Märkte, verlässliche internationale Lieferketten, einen stabilen europäischen Regulierungsrahmen und Einwanderung angewiesen sind, gehen jedoch weitgehend auf Distanz.

Diejenigen, die in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt haben, gaben für ihr Wahlverhalten häufig wirtschaftliche Gründe im weitesten Sinne an. EntsprechendWahlanalysen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Anhänger keinen Hochschulabschluss haben, unverhältnismäßig hoch und sie identifizieren sich auch als Arbeiterklasse, ein Muster, das bereits in zu erkennen ist2019Und2024in östlichen Bundesländern wie Sachsen und Brandenburg, wo teilweise über 40 Prozent der Arbeiterwähler ihre Stimme für die AfD abgegeben haben. Damit liegt der Osten klar vor dem Westen: Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt im September 2026 stimmten knapp zwei Drittel der Arbeiterwähler für die AfD37 Prozentbei der Baden-Württemberg-Wahl im März – das bisher stärkste Ergebnis der Partei unter westlichen Arbeitnehmern, aber immer noch deutlich hinter ihren östlichen Zahlen.

Was die AfD-Wähler in beiden Bundesländern eint, ist die Angst, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können. In Baden-Württemberg, einem der wohlhabendsten Bundesländer Deutschlands, machten sich AfD-Wähler mehr als Anhänger jeder anderen Partei Sorgen um steigende Preise und ihre eigene Zahlungsfähigkeit, heißt esInfratest-Dimap-Daten. In Sachsen-Anhalt, einem der ärmsten Länder Sachsen-Anhalts, teilen laut einer Konrad-Adenauer-Stiftung 89 Prozent der AfD-Anhänger genau diese AngstAnalyseLaut demselben Meinungsforschungsinstitut befürchten 80 Prozent zudem einen Rückgang ihres Lebensstandards. Dieselbe Sorge, gemessen vom selben Institut, in zwei Staaten mit nahezu unterschiedlichen Wirtschaftsprofilen: Dies deutet darauf hin, dass es sich nicht um ein rein ostdeutsches oder wirtschaftlich deprimiertes Phänomen handelt, sondern um eine Angst, die sich über sehr unterschiedliche deutsche Regionen und wirtschaftliche Realitäten erstreckt.

Ulrich Siegmund und die AfD in Sachsen-Anhalt haben das verstanden. Das Wahlprogramm der Partei verspricht beispielsweise einen „Babybonus“ von bis zu 4.000 Euro, großzügige Familienleistungen und staatliche Unterstützung für heimische Unternehmen – alles mit dem Ziel, das, was die Partei als „Alterung und Aussterben des deutschen Volkes“ bezeichnet, rückgängig zu machen. Rechnet man die bereits geplante jährliche Neuverschuldung der Regierung in Höhe von 877 Millionen Euro hinzu, die laut AfD-Versprechen „Schuldenstopp“ eigentlich nicht in Frage käme, ergibt sich ein tatsächlicher Finanzierungsbedarf von rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr, dem stehen knapp 243 Millionen Euro an nachweisbaren Einsparungen gegenüber.

Einige dieser Versprechen würden auch mit der deutschen Verfassung kollidieren, lange bevor sie mit dem Haushalt kollidieren. Der Babybonus der AfD ist ausdrücklich Eltern mit deutscher Staatsbürgerschaft vorbehalten. Rechtswissenschaftler argumentieren, dass ein solcher nationalitätsbedingter Ausschluss von staatlichen Leistungen in direktem Widerspruch zu den Gleichbehandlungsgarantien des Grundgesetzes steht.

Wie sich dies im Alltag auswirken wird, wenn die AfD die Landesregierung übernehmen kann, bleibt abzuwarten; Die Partei war bisher einfach nicht an der Macht. Doch der Aufstieg der AfD in Sachsen-Anhalt zwingt die Christlich-Demokratische Union (CDU) und das restliche demokratische Spektrum zu einer Entscheidung, die sie seit Jahren aufgeschoben haben: ob der „Cordon Sanitaire“ tatsächlich Bestand hat oder, wie erste kommunale Kooperationen in Thüringen bereits vermuten lassen, in der Praxis längst zu bröckeln beginnt.

Sachsen-Anhalts AfD-Chef Siegmund lädt die CDU-Abgeordneten nun zum Wechsel zu seiner Partei ein; Ihm fehlen drei Sitze zur absoluten Mehrheit. Aus eigennütziger Sicht wäre dies die beste Vorgehensweise für Bundeskanzler Friedrich Merz, da er so das Verhalten solcher Politiker kritisieren könnte, ohne selbst die Entscheidung getroffen zu haben, die „Brandschutzmauer“ gegen die AfD niederzureißen.

Eine Regierung aus allen anderen jetzt im Landtag von Sachsen-Anhalt vertretenen Parteien hätte zwar eine – knappe – Mehrheit der Sitze, wäre aber kaum in der Lage, eine wirksame Wirtschaftspolitik zu betreiben, da die sozialistische Partei Die Linke und die CDU kaum Gemeinsamkeiten haben. Hier kann Siegmund nun von den guten Beziehungen seiner Partei zum reichsten Mann der Welt profitieren, den sie zu Investitionen in den Staat bewegen will.

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Source: Jacobin