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The Last Day Of Summer – Für Achim [Part ll] Durch die Nacht

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“Trauer tritt in vielen Formen auf. Sie ist wie ein Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann. Man wird gefüllt und geleert. Tausendmal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausendmal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich. Ihn zu vergessen war das Schlimmste, was ich tun konnte. An ihn zu denken war das Schlimmste, was ich tun konnte. Kälte kam und ging. Wärme kam nie. Es gab nur Kälte und die Abwesenheit von Kälte. Wie mit dem Rücken zum Meer zu stehen. Eiskalte Knöchel jedes Mal wenn eine Welle anrollte. Sie lief ab. Dann kam sie wieder. Während ich so da stand, ging die Sonne unter und es wurde Nacht. Seitdem ist Nacht.”


Stig Sæterbakken – Durch die Nacht


Mein Lieber, wie vor ein paar Tagen versprochen, mein zweiter Brief an dich, nun, wo sich dein Todestag in wenigen Tagen zum zweiten Mal jährt. Neulich haben sie ein altes Interview von dir mit dem Autonomie Magazin [1] auf der Leipziger Plattform Knack News neu hochgeladen. So groß ist die Not. Nicht dass deine Worte es nicht wert wären, erinnert zu werden.


“Die Surplusbevölkerung vegetiert heute auf dem schmalen Grat zwischen Überleben und Liquidierung. Und sie ist, wenn sie sich auf den Straßen politisch artikuliert, nicht mit den Agenten der Produktion, sondern direkt mit dem Staat und der Polizei konfrontiert. Diese Kämpfe haben also von vornherein eine proto-politische Dimension.”


Aber es als ob man der Zeit dabei zuschaut, wie sich in den immer gleichen Schleifen um sich selbst windet. Das Interview ist jetzt acht Jahre alt, und es gibt nichts, wirklich garnichts, was auf deinen Gedanken und Ausführungen aufbaut. Worte, die in einem absoluten Vakuum zu existieren zu scheinen, verloren in Raum und Zeit. Ich muss an die vergoldeten Schallplatten denken, die sie Ende der 70er in den Weltraum geschossen haben. Wind, Regen, die Geräusche von Tierstimmen, Musikstücke von Bach bis Chuck Berry. Werden sie irgendwann von intelligenten Lebewesen gefunden, dechiffriert und verstanden?


In meinem letzten Brief an dich [2] endete ich mit dem Problem dass französische Genossen so beschrieben: “…das Fehlen einer eigenen Sprache und eines positiven Projekts mittlerweile das größte Hindernis für revolutionäres Handeln und sogar für revolutionäres Denken darstellt.” All die Konjunkturen lange schon tot geglaubter überkommener Ansätze “linker” Politik – die neuen K Gruppen; die Totalität identitärer Denkschulen, die sich in den letzten Jahren vor allem in der “Free Palestine” weltweit manifestierte (so als ob es die selbstkritische Aufarbeitung der Solidaritätsbewegung mit den ‘Befreiungsbewegung [3] ebensowenig gegeben hätte wie auch nur ansatzweise nicht verstanden wird, wie ein bürgerlicher, kulturalistischer Dekolonialisierungsbegriff jegliche materialistische, reale revolutionäre Perspektive aushöhlt [4]); der grassierende Linkspopulismus, ein Reformismus gegen den die “Linkswende” der Jusos Ende der 70er wie ein “revolutionäres Sofortprogramm anmutet – all diese ideologischen und theoretischen toten Wiedergänger fluten mit ihren Zombie-Programmatiken jeglichen aufflammenden Diskurs.


Aber wir müssen die Verantwortung dafür letztendlich bei uns selbst suchen. Wir waren so lange Zeit verliebt in die neue Konfliktualität, die in den letzten 20 Jahren weltweit explodierte, dass wir es versäumt haben, vor lauter Begeisterung ein grundsätzliches revolutionäres Programm zu entwerfen. Natürlich hatten wir darauf gehofft, dass diese Bewegungen, Revolten und Umstürze ihr eigenes revolutionäres Programm auf die Tagesordnung setzen würden, aber sie erschöpften sich in der radikalen Verneinung alles Bestehenden, ihre totale Negation verhinderte ihre reformistische Absorption, aber am Ende lauschten wir nur den Schwanengesängen dieser grundehrlischen, verzweifelten Eruptionen.


Nun also gäbe es all dies zwischen uns zu diskutieren, aber du bist nicht mehr da und in meiner ohnmächtigen Ratlosigkeit fehlen mir deine klugen Gedanken und ehrlichen Einwände. Es sagt sich so leicht daher: Unersetzlich. Aber so ist es. Jedenfalls für mich. Also schreibe ich in diesen Vakuum meine Gedanken, und je häufiger ich das tue, umso mehr wird mir bewusst, wie es ist, in diese Leere zu rufen, Botschaften die durch den Raum fliegen, unreife Entwürfe in Kapseln, die darauf hoffen, geborgen und verstanden zu werden.


Black flies on the windowsill

That we are

That we are

That we are to know


Ben Howard


Aber ich will dir ja auch die wenigen Neuigkeiten schreiben, die mich mit Freude erfüllen. Berliner Genossen sind gerade dabei, einen kleinen, aber feinen Verlag zu gründen. Ein weiteres Leuchtfeuer in der Nacht, die uns umgibt. Ein kleiner Fixstern inmitten des Quadrangel aus Krieg, permanenten Ausnahmezustand, faschistischer Mobilisierung und dem Generalangriff auf die ausgehandelten Regularien der Verwertung, jene Einkreisung, die fast alle lähmt und einschnürt, die Leute in die Selbstzerstörung und die Erstarrung der Ohnmacht treibt. Eines der ersten Bücher werden die “Marseiller Chroniken” von Emilio Quadrelli sein [5]. Ein verrückter Typ und ein Unikum wie du. Politisiert in der Autonomia Operaia, saß 10 Jahre in den italienischen Hochsicherheitsgefängnissen, hat Foucault ins Italienische übersetzt, nach den Unruhen 2005 in Frankreich ist er nach Paris gereist und hat mit einigen Protagonisten der Unruhen gesprochen [6]. Wie du (und auch ein bisschen ich, da waren wir uns häufig einig) hat er frühzeitig die Bedeutung der Kämpfe des Surplusproletariats für die Gegenwärtigkeit des Klassenantagonismus begriffen und das auch theoretisch unterfüttert. Wahrscheinlich werden ihn auf deutsch nur ein paar hundert lesen, aber diese Erfahrung musstest du ja leider auch machen.


Du siehst, wir mühen uns und geben nicht auf, oder um mit deinem geliebten Marx zu sprechen:


„Aber die Revolution ist gründlich…Sie ist noch auf der Reise durch das Fegefeuer begriffen. Sie vollbringt ihr Geschäft mit Methode…. Und wenn sie diese zweite Hälfte ihrer Vorarbeit vollbracht hat, wird Europa von seinem Sitze aufspringen und jubeln: Brav gewühlt, alter Maulwurf!”


Ich schreibe dir in ein paar Tagen wieder, vielleicht fallen mir bis dahin ein paar klügere Gedanken ein.


Sebastian Lotzer


Berlin – Kreuzberg, 12. September 2026


P.S.


Heute haben sich in Paris ein paar hundert Gilets Jaunes schon mal warm gelaufen für die Mobilisierung zum 17. Oktober, die zu landesweiten Protesten und direkten Aktionen aufruft. Ganz ohne die üblichen Verdächtigen der Linken und Gewerkschaften. Dachte mir, die Aussicht wird dir gefallen und wir schauen mal was dabei herauskommt.


Anmerkungen


[1] Das ungekürzte Interview mit Achim findet sich hier


https://www.autonomie-magazin.org/blog/2018/11/22/die-surplusbevoelkerun...
[2] The Last Day Of Summer – Für Achim [Part l] – Grandezza


https://kontrapolis.info/18538/


[3] Stellvertretend seien hier zwei Texte der RZ benannt


Das Ende unserer Politik (1992)


http://www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn05.htm


Gerd Albartus ist tot (1991)


http://www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn04.htm


[4] Eine Kritik der dekolonialen Ideologie


https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/eine-kritik-der...
[5] Siehe auch die Übersetzung des Vorwortes von Sandro Moiso zu den “Chroniken von Marseille”: ‘Die Barbaren gegen die Geschichte’


https://bonustracks2.noblogs.org/post/2025/08/14/die-barbaren-gegen-die-...

Alternativ nach dem “Verschwinden von noblogs hier


https://telegra.ph/Die-Barbaren-gegen-die-Geschichte-09-12


[6] Politische Militante an der Basis: Die Banlieusards und die Politik [2005]

https://bonustracks2.noblogs.org/post/2024/07/21/politische-militante-an...

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webadresse: https://kontrapolis.info/18649/Autor/Gruppe: Sebastian Lotzerfeed-date: Sonntag, September 13, 2026 - 17:31

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