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EU Kids Act: Dieses Gesetz macht es für Eltern nicht besser, sondern schlimmer

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Mit dem geplanten Kids Act setzt die EU-Kommission auf Alterskontrollen und Sorgerechtsnachweise. Aber wer schützt meine Kinder vor Grooming, Extremismus und datenhungrigen Konzernen? Nicht dieses Gesetz. Ein Kommentar.


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Ein Netz ohne Sogwirkung würde allen zugute kommen, nicht nur Kindern. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / Frank Sorge

Anscheinend war diese Lawine nicht mehr aufzuhalten. Unter zunehmendem Druck aus Ländern wie Frankreich, Dänemark, zuletzt auch Deutschland, https://netzpolitik.org/2026/eu-kids-act-eu-kommission-will-netz-mit-alt... die EU-Kommission durchsetzen, dass für große Teile des Internets ein Mindestalter gelten soll.


Als Elternteil von zwei Kindern lese ich diesen Entwurf mit Gefühlen von Ohnmacht und Frust. Ja, die EU will junge Menschen vor übergriffigen Kontaktversuchen durch Erwachsene schützen, sie will verhindern, dass Apps mit Endlosfeeds zum endlosen Hängen am Handy verleiten. Sie will, dass Kinder unter 13 nicht mehr auf YouTube, Instagram oder Fortnite unterwegs sind und Menschen unter 15 nur mit sehr eingeschränkten Optionen. Eltern sollen die Kontrolle behalten. Das klingt zunächst gut.


Das Problem ist nur: In der Praxis lösen diese Pläne keines der Probleme, die sich mir und meinen Kindern in unserem digitalen Alltag stellen. Für mich als Elternteil zeigt der Kids Act bei näherer Betrachtung vor allem eins: Wie wenig die EU-Kommission den Alltag von Familien in Zeiten des Überwachungskapitalismus wirklich kennt.


Nebenjob: Geräte-Admin meiner Kinder


Wir verbringen Stunden damit, Geräte so einzurichten, dass darauf alle für meine Kinder essentiellen Apps und Dienste so laufen, wie sie sollen. Meine Kinder sollen nicht von Konzernen durchleuchtet und mit Werbung zugepflastert werden. Sie sollen nicht versehentlich ihre Namen auf High-Score-Boards posten oder Bilder von unserem Wohnzimmer in Apps hochladen, um sie dem versammelten Publikum im Internet preiszugeben.


Das verursacht Arbeit. In mühsamer Feinarbeit müssen wir nach Feierabend sehr viele Berechtigungen aufheben, Kontaktmöglichkeiten unterbinden, Push-Nachrichten deaktivieren, Webseiten von Hand freischalten und Bildschirmzeit in 15-Minuten-Häppchen freigeben. Wir müssen uns mit jeder einzelnen App auf dem Gerät eingehend beschäftigen, denn wenn wir es nicht tun, tun es mit Sicherheit unsere Kinder. Und die sind hochkompetent darin, selbst in Anwendungen wie dem Taschenrechner noch Möglichkeiten für unbefugtes Daddeln, Unfug und Spaß zu finden.


Wenn ich damit fertig bin – was ich niemals sein werde, Fachleute bezeichnen das https://joanganzcooneycenter.org/publication/the-family-tech-cycle/">als “Family-Tech-Cycle” – dann habe ich noch nicht mal damit angefangen, mit meinen Kindern über all das zu sprechen, was sich im Internet an Abgründen auftut: Über Rechtsextreme und selbsternannte Pick-up-Artists, die meine Kinder für ihre extremistischen Ideologien gewinnen wollen. Über Menschen, die sie um Nacktbilder bitten, über unrealistische Schönheitsideale. Über Pornografie und Tech-Konzerne, die jeden ihrer Klicks und Swipes erfassen wollen.

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Die technische Naivität der EU-Kommission


Die neuen Regelungen, die die EU-Kommission jetzt vorschlägt, werden mir davon wenig abnehmen. Sie werden mich kaum entlasten und sie werden auch kaum dafür sorgen, dass meine und andere Kinder künftig besser geschützt sind im Netz. Denn wie leicht junge Menschen mit etwas Abenteuerlust digitale Kontrollen austricksen, wie geschickt sich große und kleine Tech-Konzerne um Vorgaben herumwinden, das ist kein fiktives Szenario. Das sehen wir https://netzpolitik.org/2025/geschichten-aus-dem-dsc-beirat-zwischen-ver... in Australien, wo Alterskontrollen seit Anfang des Jahres weitgehend wirkungslos verpuffen.


Statt Entlastung sehe ich in Zukunft neue Aufgaben auf mich zukommen. Wenn der Kids Act in dieser Form Realität wird, werde ich neben meinem Alter und dem meiner Kinder auch noch nachweisen müssen, dass ich tatsächlich das Sorgerecht für meine eigenen Kinder habe. Genau das verlangt der Gesetzentwurf, wenn Erziehungsberechtigte für ihre Kinder überwachte Accounts, etwa auf TikTok oder Instagram, anlegen sollen.


Ich werde diese Nachweise besorgen und übermitteln müssen. Schlimmstenfalls landen sensible Daten bei Konzernen wie ByteDance, Google oder Meta, die bekannt dafür sind, auch mal allen Vorschriften zum Trotz jeden Datenpunkt zu erfassen, der sich zu Geld machen lässt. Wenn die EU-Kommission wirklich glaubt, die umfassenden Kontrollen würden ohne Datenschutz-Unfälle und ohne riesigen Zeitaufwand für alle Beteiligten vonstatten gehen, dann ist sie naiv.


Gleichzeitig sollen meine Kinder bald ihr Alter nachweisen müssen, wenn ich ihnen erlauben will, im Netz Dinge zu lesen, zu schauen oder zu spielen. Nicht nur auf TikTok oder Instagram, sondern möglicherweise bereits, wenn sie in einem Meerschweinchenforum die besten Käfige recherchieren wollen. Denn je nach Ausgestaltung der Pläne können allerlei Orte im Netz, die nicht kindgerecht sind, eine Form der Alterskontrolle benötigen. Die Schwellen dafür sind gering, Ausnahmen für kleine Plattformen sind nicht vorgesehen.


Gesicht scannen oder lieber Pass hochladen


Die geplanten Alterskontrollen werden mich noch vor ein neues Problem stellen. Ich werde einmal mehr abwägen müssen, wie viel ich von der Privatsphäre meiner Kinder preisgebe. Ob meine Kinder für eine “Altersschätzung” ihre Gesichter scannen lassen, und damit ihre unveränderlichen biometrischen Daten einem Unternehmen anvertrauen, das die Aufnahmen hoffentlich schnell wieder löscht. Oder wir doch lieber eine Kontrollmethode mit Ausweisdaten nutzen, die hoffentlich so datensparsam abläuft, wie die EU-Kommission es laut Entwurf verlangt.


Als eigene Lösung für Alterskontrollen hat die EU-Kommission eine https://netzpolitik.org/2026/gesichtsscan-und-handy-zwang-von-der-leyen-... datensparsame Alterskontroll-App, präsentiert („Mini-Wallet“). Sie verlangt Ausweispapiere und soll das Gesicht einer Person mit dem gescannten Ausweisfoto biometrisch abgleichen. Während die App mit hochgradig sensiblen Daten hantiert, sollen Standards sicherstellen, dass sie einer altersbeschränkten Plattform lediglich ein datensparsames Alterssignal weitergibt. Dabei wäre eine solche App nur ein Update vom Datenschutz-Alptraum entfernt.


Was die EU-Kommission hier plant, schützt weniger das Wohl von Kindern, sondern legt vielmehr einen Grundstein für Massenüberwachung. Autoritäre Regierungen können von so einer Infrastruktur für flächendeckende, ausweisbasierte Alterskontrollen nur träumen. Zugleich nimmt die EU-Kommission damit in Kauf, andere Menschen ganz auszuschließen, denen schlicht die Papiere für die Alterskontroll-App fehlen, die technischen Mittel oder das Wissen, um dieses Verfahren zu durchlaufen.

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EU-Kommission sägt an Grundpfeilern des Internets


Wenn es der EU-Kommission um besseren Schutz im Netz geht, sollte sie sich besser auf das konzentrieren, was Menschen direkt schadet. Sie könnte dafür sorgen, dass Tech-Konzerne ihre Plattformen zu besseren Orten machen, allem Widerstand der Lobbyist*innen und Rechtsabteilungen zum Trotz. Ansätze dafür gibt es im Kids Act, etwa ein Verbot von suchtfördernden Mechanismen für Minderjährige auf sozialen Medien und Videoplattformen.


An dieser Stelle frage ich mich aber: Warum sollten solche Vorschriften für sicheres Design nicht gleich für alle gelten, statt nur für Kinder? Einstellungen, die standardmäßig die Privatsphäre bestmöglich schützen. Datensammlung und Tracking verbieten. Manipulative Designs und Push-Nachrichten verbieten, die uns stundenlang an Apps fesseln. Schutz davor haben wir doch alle verdient. Mit solchen Regeln für alle statt nur für junge Menschen wäre nichts verloren, niemandem geschadet – außer den Profit-Interessen der Tech-Konzerne.


Stattdessen sägt die Kommission mit ihrem Vorschlag an einigen der wichtigsten Grundpfeilern im Netz: Am Recht auf Anonymität und am Recht auf freien Zugang zu Informationen. Diese Rechte sind kein Luxus. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass sich Menschen im Netz ungehindert informieren und politisch laut werden können. Betroffene von Gewalt, queere Menschen, Whistleblower*innen, sie und noch mehr gesellschaftliche Gruppen sind besonders darauf angewiesen, sich im Netz auch unbeobachtet bewegen zu können. Mit den geplanten Alterskontrollen steht das auf der Kippe.


Meine Kinder werden trotzdem im Internet sein, ich werde sie dabei trotzdem so gut wie möglich begleiten und sie darauf vorbereiten müssen. Nur könnte es bald ein Internet voller Schranken sein. Und meine Kinder müssten lernen: „Das Internet ist ein Ort, an dem du staatlich anerkannte Nachweise brauchst, um teilnehmen zu dürfen.“


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webadresse: https://netzpolitik.org/2026/eu-kids-act-dieses-gesetz-macht-es-fuer-eltern-nicht-besser-sondern-schlimmer/Autor/Gruppe: Chris KöverThemen: Netactivismfeed-date: Donnerstag, September 17, 2026 - 16:30

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Source: de.indymedia